Bischof Schneider: Diagnose und Lösungsvorschlag für die Krise um die FSSPX
06. Juni 2026
Weihbischof Athanasius Schneider
Weihbischof Athanasius Schneider hat am 4. Juni eine Erklärung veröffentlicht, die geeignet ist, die gesamte Debatte über die von der Piusbruderschaft angekündigten Bischofsweihen auf eine neue Grundlage zu stellen. Sie könnte darüber hinaus, wenn sie denn in Rom gehört und ernst genommen würde, das „heiße Stadium“ der Krise abschließen und den Weg zu einer produktiven Gestaltung des Verhältnisses von „Reformlager“ und der „Traditionsgebundenen“ in der Kirche öffnen - wenn und soweit es den „Reformern“ denn tatsächlich um Reformen und nicht um Revolution ginge..
Bischof Schneider faßt seine Ausführungen in „Fünf Kernfragen zur Priesterbruderschaft des hl. Pius X.“ zusammen, die wir hier in geraffter Form wiedergeben. Den vollständigen Text (auf Englisch) bietet Diane Montagna auf ihrem Substack.
1. Vatikan II im Kontext der anderen 20 ökumenischen Konzile
Mit Nachdruck verweist Bischof Schneider darauf, daß das zweite Vatikanum sich ausdrücklich nicht als dogmatisches Konzil, sondern als pastorales Unternehmen zur deutlicheren und mehr der Zeit entsprechenden Darlegung der bestehenden Lehre verstand. Er belegt diese (eigentlich allgemeine bekannte) Tatsache mit einem längeren Zitat Pauls V. und bezieht ihre Geltung ausdrücklich auch auf die beiden „dogmatischen Konstitutionen“: Das „dogmatisch drücke hier nicht den Willen zur Formulierung neuer Glaubenssätze aus, sondern bedeute, daß sich diese Texte speziell mit dogmatischen Fragen befassten.
Zu weiteren Erläuterung verweist er darauf, daß sich in den Texten früherer Konzile zahlreiche pastorale oder disziplinäre Aussagen finden, die heute nicht mehr anwendbar sind oder durch spätere Konzile präzisiert oder geändert worden seien. Dazu führt er als ein Beispiel die Festlegungen des Konzils von Florenz über Form und Materie des Weihesakraments an, die später vom Lehramt der Kirche korrigiert wurden. Die Kirche habe immer einen Unterschied zwischen unwandelbaren Wahrheiten des Depositum Fidei und deren praktischem Ausdruck in pastoralen oder nicht-dogmatischen Lehraussagen mit unterschiedlicher Bindungskraft gemacht. Dann wörtlich:
Um heute jedoch in voller Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl zu stehen, muss man jene Aussagen und Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils annehmen, die pastoralen Charakter haben und hinsichtlich ihrer lehramtlichen Natur gewiss nicht definitiv sind. Dies wirft eine wichtige Frage auf: Warum wird die vorbehaltlose Annahme der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils als *conditio sine qua non* für die volle Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl dargestellt, während eine vergleichbare Forderung hinsichtlich der pastoralen, disziplinären oder nicht definitiven Lehren der vorangegangenen zwanzig Ökumenischen Konzilen nicht besteht?
Erschwerend komme hinzu, daß viele „pastorale“ Aussagen des zweiten Vatikanums etwa zur Religionsfreiheit, zur Ökumene oder dem interreligiösen Dialog höchst ambivalent ausgefallen und schwer mit früheren Positionen des Lehramtes zu vereinbaren seien. Das gilt laut Bischof Schneider insbesondere auch für die Liturgiereform, deren Unzulänglichkeiten nicht länger übertüncht werden könnten. Der Piusbruderschaft deren unbedingte Anerkennung abzuverlangen sei in keiner Weise zu begründen.
2.Zwei aktuelle Fehlentwicklungen im Leben der Kirche: Legalismus und Papstzentrismus
Eine ehrliche Auseinandersetzung mit den hier aufgeworfenen Problemen wird dadurch behindert, daß sich in den letzten Jahrhunderten in der Kirche eine extrem ungesunde Mentalität entwickelt habe: der Vorrang eines Legalismus oder Rechtspositivismus, verbunden mit einem übermäßigen Papstzentrismus, der an eine Quasi-Vergöttlichung sowohl des Amtes als auch der Person des Papstes grenze. Diese ungesunde Mentalität komme auch in vielen Stellungnahmen zu den angekündigten Bischofsweihen zum Ausdruck, die – teils wohl unbewußt – von einer solchen Quasi-Vergöttlichung des Papstamtes ausgingen.. In diesem Zusammenhang weist Bischof Schneider auf den u.E. bislang nirgendwo vorgebrachten Umstand hin, daß das übrigens erst 1983 in das Kirchenrecht eingeführte Verbot von Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat im Codex nicht im Abschnitt der „Vergehen gegen den Glauben und die Einheit der Kirche“, sondern im Kapitel über „Vergehen gegen die Sakramentenordnung“ platziert wurde. Ein weiteres Argument gegen die Wertung solcher Weihen als „schismatischen Akt“.
Über die Ausführungen von Bischof Schneider hinaus erlauben wir uns hier den Hinweis, daß diese beiden Punkte: Absoluter Rechtspositivismus und Hyperpapalismus, die beide zu Recht oder zu Unrecht auf das 1. Vatikanum zurückgeführt werden, u. E. Die entscheidenden Instrumente darstellen, mit denen die „Radikalreformer“ derzeit ihren Totalumbau der Kirche vorantreiben und gegen Widerstand aus der katholischen Tradition absichern.
3. Eine außergewöhnliche Krise und sogar ein Notstand in der Kirche
In diesem Abschnitt bietet Bischof Schneider die u.E. zutreffendste Beschreibung des Wesens der gegenwärtigen Krise Ausgehend von den Mehrdeutigkeiten und Unschärfen der mit dem zweiten Vatikanum zur Herrschaft gekommenen Theologie – deren Anerkennung seitens der FSSPX zur Voraussetzung für die Gewährung der „vollen Einheit“ gemacht wird – verfolgen starke Kräfte in der Kirche unter Absicherung durch die päpstliche (Allmacht) einen Kurs, der eine neue „konziliare Kirche“, neuerdings auch „synodale Kirche“etablieren soll. Hauptkennzeichen dieser neuen Kirche ist die Anpassungen an die Erwartungen und die etablierten Lebensweisen der „modernen Welt“. Gott als Schöpfer und Christus als Erlöser treten dabei immer mehr in den Hintergrund.
4. Das Gewissensdilemma der Piusbruderschaft
Dieser 4. Punkt nimmt fast die Hälfte des Gesamtumfangs der 5-Punkte-Liste von Bischof Schneider ein. Hier befasst er sich mit den Argumenten, die derzeit in der Debatte um die Bischofsweihen – soweit diese ehrlich geführt wird und nicht nur der Befestigung vorgefasster politischer Absichten dient – die größte Beachtung verdienen.
Zunächst stellt er heraus, was für eine Ungeheuerlichkeit es bedeutet, von der Bruderschaft die bedingungslose Anerkennung nicht nur der von Ambivalenzen entwerteten Konzilstexte, sondern auch des nachkonziliaren „regulären Lehramtes“ in Dokumenten wie Amoris Laetitia zu verlangen, die teilweise der göttlichen Offenbarung widersprechen oder diese untergraben. Und er versteht sich dabei zu der bemerkenswerten Aussage, daß die Existenz (und der Widerstand) der FSSPX eines Tages als providentieller Ausdruck der göttlichen Fürsorge für den Erhalt der Kirche erkannt werden würde. Wörtlich führt er dazu aus:
Die SSPX betrachtet es als einen ihrer wesentlichen Daseinszwecke, mit Freimut zur Rückkehr zu jener absoluten Klarheit und Reinheit der Lehre aufzurufen, die die Kirche über die Jahrhunderte hinweg stets zu bewahren bestrebt war. In der Vergangenheit nahmen die römischen Päpste Verfolgung, Martyrium und sogar Schismen in Kauf, anstatt auch nur die geringste Mehrdeutigkeit in der Glaubensverkündigung zu dulden. (…) Einheit ist an sich nicht das oberste Kriterium der Wahrheit. Die Kirchengeschichte kennt zahlreiche Situationen, in denen Spannungen zwischen der Tradition und der tatsächlichen Ausübung kirchlicher Autorität bestanden.
Allein die Tatsache, daß bestimmte Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils – zusammen mit der Liturgiereform – zu einer Schwächung der lehrmäßigen Klarheit geführt haben und weiterhin führen (sowohl in der Theorie als auch in der Praxis), verpflichtet den Papst dazu, dem Beispiel vieler seiner heldenhaften Vorgänger zu folgen und diese Lehren zu präzisieren sowie – wo nötig – zu korrigieren. Dies sollte mit einer derart erneuerten lehrmäßigen Präzision und Klarheit geschehen, daß kein Raum für mehrdeutige oder irrtümliche Auslegungen bleibt.
Zum Abschluß dieses Kapitels vergleicht Bischof Schneider das Beharren der FSSPX auf Klarstellungen der nachkonziliaren Wirren mit den zehnjährigen Bemühungen des von Patriarch Sophronius von Jerusalem im 7. Jahrhundert nach Rom gesandten Delegaten Stephanus, der Papst Honorius um einen Widerruf der im Zuge der Monolithischen Kontroverse in die Lehre der Kirche eingedrungen Irrtümer bewegen sollte und schließlich auch erreichte.
5. Eine pastorale Lösung des Papstes für das Problem mit der FSSPX
Im 5. und letzten Abschnitt seiner Intervention geht Bischof Schneider von der Beschreibung und Wertung des Krisenzustandes zu einem konkreten Lösungsvorschlag – zumindest für das aktuelle Stadium der Krise – über. Der hl. Stuhl möge die Katholische Glaubenserklärung und die Botschaft an die Gläubigen der Leitung der Bruderschaft ernst nehmen und als Ausdruck wahren katholischen Glaubens und Erfüllung der Mindestanforderungen für die kirchliche Gemeinschaft akzeptieren. Auf dieser Grundlage könne der Papst dann in väterlicher Fürsorge eine Ausnahmegenehmigung für die geplanten Weihen erteilen – nicht zuletzt, um Zeit zu gewinnen, die erkannten Probleme anzugehen und einer Lösung zuzuführen. Wörtlich:
Die synodale Kirche unserer Zeit sollte zu einer solchen pastoralen Weite und Großherzigkeit fähig sein. Angesichts der vielen großherzigenen ökumenischen Erklärungen und Initiativen der letzten Jahrzehnte sollte sie gleichermaßen ihre Fähigkeit unter Beweis stellen, ein ernstes kirchliches Problem innerhalb der katholischen Kirche durch Dialog, Geduld und Verständnis anzugehen.
Und er schließt mit der u.E. allzu berechtigten Mahnung:
Sollte der Papst in diesem Jahr eine Exkommunikation – ein neues Anathema – über die weihenden und die geweihten Bischöfe verhängen, so würde dies als eine Fehlentscheisdung übermäßiger pastoraler Härte in die Kirchengeschichte eingehen. Künftige Generationen und künftige Päpste würden es bereuen. Warum sollte der Papst heute etwas tun, das künftige Generationen morgen beklagen könnten? Sollten wir nicht aus der Geschichte lernen? Ist der Papst als Oberster Pontifex nicht vor allem dazu berufen, Brücken zu bauen?
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Wir können die Lektüre des gesamten hier nur ausschnittsweise Wiedergegebenen Dokuments nur sehr empfehlen – auch um die eigene Mentalität aus selbstauferlegten Fesseln von Rechtspositivismus und Hyperpapalismus zu befreien.
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