Absturz aus transalpinen Höhen oder:
Warum Sedisvakantismus keine gute Idee ist
23. Juni 2026
Bischof Pierre Roy und P. Michael Mary FSSR
Ende letzter Woche haben die „Söhne des allerheiligsten Erlösers“, bekannter als die „Transalpinen Redemptoristen“ von Papa Stronsay, erklärt, daß ihr Oberer P. Michael Mary am 25. Juni zum Bischof geweiht werden soll. Als weihender Bischof werden der kanadische Sedisvakantist Pierre Roy und als Ko-Konsekratoren die ebenfalls dem römischen Papst die Anerkennung verweigernden Bischöfe Rodrigo Ribeiro da Silva (Brasilien) und Fernando Altamira (Argentinien) angegeben. (Quelle). Alle drei waren ursprünglich Mitglieder der Piusbruderschaft, die sie dann später wegen deren angeblich inkonsequenten und zu unentschiedenen Verhaltens gegenüber Rom verlassen haben. Alle drei sind gültig, aber ohne römisches Mandat, geweihte Bischöfe aus der Weihelinie von Erzbischof Martin Ngô Ðình Thục (1897 – 1984).
Ngô Ðình Thục war der ältere Bruder des (süd-)vietnamesischen Präsidenten Ngô Đình Diệm und nahm als Inhaber der höchsten kirchlichen Position des Landes am zweiten Vatikanischen Konzil teil. Die welt- und kirchenpolitischen Entwicklungen nach dem Ende des Vietnam-Krieges 1964 und des Konzils 1965 bewogen ihn Anfang der 70-er Jahre zunächst zu einer Annäherung an die Piusbruderschaft. Etwa ab 1975 geriet er in den Anziehungskreis von Gemeinschaften mit zweifelhafter Traditionstreue und sektiererischer Spiritualität, trennte sich von Rom und weihte für solche Gemeinschaften in den folgenden Jahren zahlreiche Bischöfe. Er selbst hat sich dann kurz vor seinem Tod 1984 wieder mit der Kirche ausgesöhnt, konnte aber die von ihm begründeten sedisakantastischen Weihelinien nicht mehr „einfangen“. Einige der von ihm zu Bischöfen geweihte Männer bzw. deren Nachfolger der zweiten Generation sind fromme und ernsthafte Personen, andere – wie etwa die die „Palmarianer“, die inzwischen ihren eigenen „Gegenpapst“ ( gegenwärtig Petrus III, geb. Markus Josef Odermatt aus der Schweiz) installiert haben, sind Sektierer, die mit der Kirche Christi wenig mehr als äußere Formen gemein haben.
Über die jetzt zur Bischofsweihe von P. Michael Mary anreisenden Sedisvakantisten-Bischöfe ist uns bislang nichts abträgliches bekannt geworden, aber bei dem von den merkwürdigsten Richtungen gekennzeichneten religiösen Umfeld Südamerikas, über das unsereins wenig weiß, hat das nicht viel zu besagen.
Irritierend ist jedenfalls die Tatsache der Weihe überhaupt. Während die FSSPX für die von ihr angesetzten Weihen zahlreiche gute Gründe vorbringen kann, sind solche bei den Transalpinen Redemptoristen kaum zu erkennen. Im Gegensatz zur Piusbruderschaft verfügen sie weder über ein dichtes Netz von „Messzentren“ mit pfarrei-ähnlichen Anforderungen an die pastorale und sakramentale Betreuung der ihre Gottesdienste besuchenden Gläubigen, und auch der Bestand an Seminaristen und Priesteramtskandidaten ist höchst überschaubar. Dazu würde sich bei Bedarf auch der eine oder andere Bischof aus der Thuc-Linie (es gibt auch noch andere Linien mit unbestreitbarer Sukzession) gewinnen lassen. Beobachter, die näher dran sind als unsereins, verweisen als Hauptmotiv für die Bischofsweihe denn auch auf eine von ihnen in der Vergangenheit des öfteren festgestellte Tendenz des Ordensoberen zum Personenkult.
Diese Kritik soll die Leistung der „Söhne des allerheiligsten Erlösers“ als Veranstalter von „Volksmissionen“ und ähnlichen Einrichtungen der Glaubensverkündigung nicht herabsetzen Sie sind in dieser Hinsicht durchaus legitime Erben des heiligen Alfonso Maria de Liguori und seiner Redemptoristen, deren heutige Vertreter weitgehend in den Niederungen des Konzilsgeistes versumpft sind – mit entsprechend katastrophalen Folgen für Nachwuchssituation und Personalbestand. Aber diese Legitimität haben sie durch den demonstrativ herausgestellten Übergang zum Sedisvakantismus schwer beschädigt. Pastorale Erfordernisse zur Bewältigung einer allgemeinkirchlichen Notsituation, wie sie die Piusbruderschaft zur Rechtfertigung ihrer Bischofsweihen anführt, können sie jedenfalls kaum glaubhaft machen.
Beim Vergleich der beiden Weiheaktionen bzw. der sie tragenden Gemeinschaften fallen noch weitere beachtenswerte Gesichtspunkte ins Auge. Zum einen ein organisatorischer Aspekt. Kleine, keiner äußeren Autorität unterworfene und oft nur lokal sehr begrenzt tätige Gemeinschaften sind von Natur aus stark von der Gefahr bedroht, in Mißstände und Mißbräuche abzugleiten – finanzielle, moralische, spirituelle, theologische, alles ist möglich und an verschiedenen unerfreulichen Beispielen auch in der Realität zu besichtigen. Größe und Organisationsstruktur alleine bieten zwar auch keine absolute Sicherheit vor derartigen negativen Erscheinungen, aber wenn eine Gemeinschaft ausreichender Größe sich in Struktur und Organisation – wie das bei Pius der Fall ist – an jahrhundetealten Grundsätzen und Erfahrungen ausrichtet, werden die Gefahrenquellen erheblich vermindert. Mit dem Risiko, dafür als rigide und verknöchert dargestellt zu werden, muß man dann eben leben – und kann das auch zum großen eigenen Vorteil. Ein zweiter Punkt ist theologischer, genauer gesagt ekklesiologischer, Art.
Der Piusbruderschaft wird öfter der Vorwurf gemacht, daß ihre Haltung gegenüber dem Papst und Bischof von Rom inkonsequent und widersprüchlich sei. Dieser Vorwurf ist in gewisser Weise nicht völlig grundlos: Wie kann man daran festhalten, den in Rom agierenden Amtsträger als höchste Autorität der Kirche in der petrinischen, d.h. auf Christus selbst zurückgehenden, Tradition anzuerkennen – mit allem Drum und Dran vom „was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein…“ bis zum Jurisdiktionsprimat des I. Vatikanischen Konzils – und ihm gleichzeitig den Gehorsam bei der Befolgung seiner Jurisdiktion zu verweigern? Kann der Papst in Rom gleichzeitig oberster Garant des richtigen Kurses der Kirche sein – wie das die Tradition und das Dogma von Pastor Aeternus verlangen – und dennoch in seiner Amtsführung in Irrtum oder gar auf verderbliche Abwege geraten, die den Ungehirsam rechtfertigen? Der scharfsinnige und kenntnisreiche Autor „Vigilius“ hat das Dilemma in dem Artikel „Der performative Widerspruch der Piusbruderschaft“ auf seinem Substack: „Einsprüche“ in einiger Tiefe und auf durchaus ernstzunehmende Weise ausgeleuchtet.
Das Problem ist real, es bildet ein schwer lösbares Dilemma.
Die seit fast hundert Jahren in der Kirche herrschenden Hyperpapalisten lösen das Dilemma nach der Formel „right or wrong – my pope“ und verlangen von Klerus und Gläubigen nicht weniger als das „sacrificium intellectus“ oder populär gesprochen: Kadavergehorsam. Konkret läuft das wie derzeit an vielen Diskussionsbeiträgen zur anstehenden Bischofsweihe zu erkennen ist auf die Forderung hinaus, den Verstand und die Erfahrung an der Schwelle Roms abzulegen und auf das eigene Urteil zu verzichten. Was der Papst „ex cathedra“ oder bei der Pressekonfereenz sagt oder als Kuriendokument unterschreibt, gilt unbedingt und fordert absoluten Gehorsam – selbst der Zweifel ist schon schwer sündhaft; der Verstoß führt automatisch zur Exkommunikation.
Die Gefahr, auf diese Weise von der Wahrheit, die sich doch in Christus selbst geoffenbart hat, abzukommen, ist unübersehbar.
Die Sedisvakantisten sind in ihrer Auslegung der päpstlichen Machtvollkommenheit nicht weniger absolut als die Hyperpapalisten – nur dass sie die Blickrichtung umgekehrt haben: Wenn das, was der Mann auf dem Papststuhl anordnet oder fordert, ihrer oft sehr persönlichen Einschätzung nach mit der geoffenbarten Ordnung oder der geheiligten Tradition nicht mehr zu vereinbaren ist – dann befindet er sich nicht nur im Irrtum, sondern kann daher, und kann daher, da der wahre Papst vor Irrtum geschützt ist, gar nicht wirklich der Papst sein.
Beide Ansätze führen in unauflösbare Aporien. Wenn der Heilige Geist die Kirche 2000 Jahre lang lehren ließ, daß die Ehe unauflöslich und der Ehebruch eine schwere Sünde ist – kann er das heute bis zur Umkehr hin relativieren, ohne seine „Heiligkeit“, seine göttliche Vollkommenheit und Makellosigkeit in Frage zu stellen? Und andererseits: Wenn dem Mann, den ein ordnungsgemäß zusammengetretenes Konklave zum Papst gewählt hat und den alle Welt als oberste Autorität der Kirche anerkennt, diese Autorität plötzlich abgesprochen wird – woher soll eine anderer neue Autorität gewinnen? Etwa durch die Akklamation eines von 12 oder meinetwegen auch 120 Bischöfen einberufen „unvollkommenen allgemeinen Konzils“, wie es die Transalpinen propagieren?
Die Argumentation der Piusbruderschaft versucht, diesem Dilemma zu entkommen, in dem sie die Absolutheit der jeweiligen Positionen dadurch mildert (nur böswillig könnte man auch sagen: „relativiert“), daß sie nicht nur Verstand und Erfahrung mit in die Gleichungen zur Problemlösung mit einbezieht, sondern vor allem von dem ja ebenfalls von Gott geoffenbarten Wissen ausgeht, daß es im Menschen nicht so absolut hergeht, wie die beiderseitigen „Extremisten“ hyperpapalistischer Autorität das behaupten. Von daher bestehen sowohl in seinem Streben und Tun als auch in der Wahrnehmung seiner Gedanken, Worte und Werke „Grauzonen“, die mit der Vernunft bestenfalls zu erhellen, nicht aber restlos auszuleuchten sind.
Der Mensch – und zwar jeder – ist trotz aller von Gott gewährten Gnadengaben von seiner Natur her unvollkommen, fehlerhaft, sündengeneigt, und der Verdammung gefährdet angelegt. Auch der Papst kann – zumindest außerhalb sehr eng festgeschriebener Umstände – irren und verhängnisvoll sündigen, sogar Verbrechen verüben. Die Geschichte liefert dafür nicht nur Beispiele, sondern auch Beweise. Und solche Vergehen sind eben nicht nur Privatsache, wie gerne zur Bemäntelung der Vergehen von Sittenstrolchen wie Alexander VI. ausgeführt wird, sondern beschädigen schon alleine durch schlechtes Beispiel auch Amt und Lehre.
Die Figur eines irrenden, irrlehrenden und schwer sündhaften „schlechten Papstes“ ist keine Phantasmagorie, sondern kann durchaus in der Realität vorkommen – und das offensichtlich ohne daß der Menn auf dem Papstthron diese Position und dieses Amt unter Blitz und Donner und auf eine jedermann einleuchtende Weise verliert. Fromme Katholiken des hohen Mittelalters wie wie Dante als Autor der Divina Comedia oder Briefschreiberinnen wie Hildegard von Bingen und Katharina von Siena waren durchaus fähig, diese Realität zu erkennen und dementsprechend zu handeln bzw. zu schreiben. Nur wir empfindsamen Seelen der Neuzeit wünschen uns Päpste, die von allem Menschlichen unbefleckt sind und denen man deshalb in Allem unbedingten Gehorsam leisten kann und muß. Doch so geht es unter Menschen nicht zu nicht, nicht bei denen „oben“, und nicht bei denen „unten“.
Die dem Papst Untergebenen sind keine geistlosen „Kadaver“, willenlos wie ein Stock (so verlangte es Ignatius von seinen Ordensangehörigen); und sie sind auch nicht Schafe von geringem Verstand, die ihrem betrunkenen Hirten vielleicht auch noch beim Fall in den Abgrund folgen, sondern vernunftbegabte Menschen mit freiem Willen. Als solche sind sie nicht von der Gewissenspflicht entbunden, sich dieser beunruhigenden Möglichkeit des „schlechten Papstes“ zu stellen und und ihr eigenes Handeln entsprechend auszurichten – ohne Person und Amt des Papstes kurzerhand durch persönliche Erklärung für erledigt zu erklären.
Menschliches Leben kennt nicht nur das reine Licht der Gnade, sondern auch die Schatten der „Grauzone“, in denen Navigation selbst im Licht der Offenbarung bestenfalls „auf Sicht“ möglich erscheint. Das Konzil des vergangenen Jahrhunderts hat diese Grauzonen fast unerträglich ausgeweitet – und die Bruderschaft des hl. Papstes Pius macht bei dem Versuch, in dieser Grauzone allen Widrigkeiten zum Trotz auf Kurs zu bleiben, keine schlechte Figur. Weitaus bessere jedenfalls, als ein Kirchenregiment, das sich von jedem Zeitgeist vor sich hertreiben läßt – oder eine nur in Worten demonstrierte (und auch nur in Worten demonstrierbare) Radikalität, die sich aus der Realität verabschiedet, weil sie nur noch Schwarz und Weiß erkennen will.
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