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H.-L. Barth über das 2. Vatikanische Konzil und die Verdunklung der Kirche

22. Juli 2026

6 - Kirchenkrise, 7 - Bibliothek

Der Einabnd des Buches zeigt den Titel vor dem Hintergrund einer etwas unscharfen Aufnahme einer Galerie von Bischöfen in der Konzilsaula.

Ein unscharfes, aber zutreffendes Bild

Im Grunde ist die gegenwärtige Kirchenkrise ein Kampf um die Wahrheit – und das auf allen Ebenen. Auf der obersten Ebene: Gibt es überhaupt eine Wahrheit, ist diese Wahrheit in Christus und seiner Offenbarung ver­kör­pert, und sind die Menschen überhaupt in der Lage, die Wahrheit in einigem Umfang zu erkennen und dement­spre­chend zu handeln? Unterhalb dieser philosophisch-theo­lo­gischen Ebene toben mindestens ebenso heftige Kämp­fe auf scheinbar niedrigeren Ebenen: Welche Rolle spielen der Papst und das Bischofskollegium als Bewahrer der Wahrheit, was können Konzile dazu beitragen, die Wahr­heit zu erken­nen und zu befestigen, wieweit läßt sich die aktuelle Kir­chen­führung in ihrem Agieren wirklich von der Wahrheit leiten – und inwieweit ist sie bereits von der die ganze west­liche Welt vergiftende Seuche befallen, die keine Wahrheiten mehr anerkennt, sondern nur noch Zweckmäßigkeiten zur Verfolgung eigener Ziele?

Dieser Befund zeichnet das Bild eines Zustandes, bei dem einem der katholische Ver­stand stehen bleiben möchte, und das früher so selbstverständliche Vertrauen in die Weisheit und Aufrichtigkeit des Lehramtes, ist bei alledem stark beschädigt worden. Die Gläubigen reagieren darauf in unterschiedlichen Weisen: Eine davon kann man mit dem Schlagwort der "unerschütterlichen Frömmigkeit" bezeichnen. Merkwürdigerweise läßt sich eine derartige Haltung auf beiden Seiten der Frontlinie, die gegenwärtig die Kirche zu zerreißen droht, feststellen: Auf der einen Seite dröhnt es derzeit aus allen Lautspre­chern: „Right or wrong - my Pope, und wer sich dem widersetzt, wird exkommuniziert“. Und auf der anderen Seite : „Wir halten uns bei all dem Lärm die Ohren zu und bleiben bei dem, was immer war“.

Das letztgenannte ist kein schlechter Ansatz, und er läßt sich hervorragend durch den Rosenkranz unterstützen, aber im Zeitalter alles überflutender Informationen, Fehl­in­formationen und Entstellungen – also im Informationskrieg – gewinnt er noch einmal enorm durch die Unterstützung mit Fakten. Nichts kann der Vernunft so gut helfen, die Wahrheit zu erkennen oder ihr immerhin näher zu kommen, als ein solider Fundus an Fakten, die man den kursierenden Fake-News, Fehlinterpretationen und sogar Fehlüber­setzungen entgegensetzen kann. Und genau an dieser Stelle kommen Publikationen wie das soeben veröffentlichte Buch von Heinz-Lothar Barth „Verdunklung der Kirche“ über das 2. vatikanische Konzil ins Spiel. Dieses Buch bietet eine Fülle von Fakten – sowohl Belege für Ereignisse, die gerne unter den Tisch gekehrt werden, als auch Belege in der Literatur, von modernen Dokumenten bis aus der Zeit der Kirchenväter – die geeignet sind, einiges Licht in das Dunkel zu bringen.

Und damit kommt das Buch genau zum richtigen Zeitpunkt: Nachdem bereits Franziskus in Traditionis Custodes die Unvereinbarkeit der überlieferten Liturgie mit dem nach dem 2. Vatikanum reformierten Lehramt hatte behaupten lassen, hat nun sein Nachfolger und Testamentsvollstrecker Leo in der Auseinandersetzung um die Bischofsweihen bei der FSSPX das weiter zugespitzt, wenn er davon spricht, dieses Konzil (des Jahres 1965) habe Grundlagen für die Kirche gelegt, ohne deren Anerkennung man dieser Kirche nicht angehören könne und folglich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden müsse.

Hat die Kirche nicht ihre Grundlage im Opfer von Golgatha des Jahres 30 und der von Christus selbst seinen Aposteln anvertrauten Offenbarung. Hat sie zweitausend Jahre ohne oder auf unzureichender Grundlagen existiert? Was soll da im Jahre des Heils vor 70 Jahren neu hinzugekommen sein, das von so zentraler Bedeutung wäre, daß seine Anerkennung darüber entscheide, wer dazugehört und wer nicht?

In der gegenwärtigen Verdunklung rückt die Aufgabe, zu bestimmen, was denn nun tat­sächlich der Inhalt der Dokumente dieses Konzils sei und inwieweit dieser Inhalt mit dem übereinstimmt, was die Kirche 2000 Jahre lang gelehrt hat, in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Kurz vor den bereits in Planung befindlichen Feiern zum 70. Jah­restag DES KONZILS ist der Kampf um die Bedeutung dieser Kirchenversammlung mit aller Macht aufgebrochen, und er ist nicht mehr mit Machtsprüchen, Exkommunika­tio­nen oder Interdikten zu entscheiden, sondern nur mit Antworten auf immer wieder die gleiche Frage: Was ist denn nun die Wahrheit? Oder müssen wir uns der unverholen ausgeru­fenen Diktatur des Relativismus unterwerfen, der dekretiert, es gebe keine oder viele verschiedene Wahrheiten und behauptet, was gestern vielleicht wahr gewesen sei, müsse heute nicht mehr wahr sein, und umgekehrt?

Bei dem Vorhaben, hier Orientierungshilfe zu geben, folgt das Buch Barths zwei Leit­mo­tiven. Das eine ist der auch im Titel des Buches und im Inhaltsverzeichnis abgebildete Bezug auf die Texte des zweiten Vatikanums und deren Rezeption bzw. Entstellung im Dienst modernistischer Zielsetzung. Im Zentrum stehen dabei Gaudium et spes, Nostra Aetate und Dignitatis humanae. Das zweite ist der der immer wieder hergestellte Bezug auf die gegen diese Entstellungen gerichteten Positionen der Piusbruderschaft - die letztlich dann auch die Begründung und Rechtfertigung für die nun erfolgten Bischofs­weihen darstellen: Die Krise und die „Verdunklung“ der Kirche sind real.

Das Buch will also keine theologische Gesamtanalyse des II. Vatikanums und seiner bunten Mischung von katholischen Selbstverständlichkeiten, bedenklichen Ambiva­len­zen und offenkundigen Fehlorientierungen bieten – dazu bräuchte man mindestens ebenso viele Bücher wie das Buch Seiten hat – sondern stellt den Zusammenhang zwi­schen der aktuellen Situation, die man zu Recht als „Notlage“ bezeichnen kann, und der großen Kirchenversammlung von vor 70 Jahren in den Mittelpunkt.

Anders als viele Autoren mit kanonistischem Hintergrund, die sich in der aktuellen Debatte zu Wort melden, argumentiert Barth in diesem Hauptteil des Buches also we­ni­ger mit Belegen aus dem Kirchenrecht, sondern zielt darauf ab, die Wurzeln der aktuellen Mißstände in der modernistischen Theologie des 20. Jahrhunderts und deren Zeitbe­dingt­heiten sichtbar zu machen. Dabei zeigt er an zahlreichen Einzelfällen, die in ihrer Gesamtheit eben nicht mehr als Einzelfälle hingenommen werden können, wie tief be­stimmte zeitgeistige Irrtümer und teilweise bewußte Fehldarstellungen in einige Konzils­texte eingedrungen sind. An einem Beispiel aus der Liturgiekonstitution demonstriert Barth, wie dieser Mechanismus auf dem Konzil funktionierte und seitdem immer wieder eingesetzt wird:

Es begint ein Zitat

In Artikel 47 der Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ wird das Wesen der Messe beschrieben. Für das katholische Dogma ist der Begriff „sacrificium propitiatorium“ („Sühnopfer“) von zentraler Bedeutung. So defi­nierte das Trienter Konzil: „Wer sagt, das Meßopfer sei lediglich ein Lob- und Dankopfer oder ein bloßes Gedächtnis des am Kreuze vollzogenen Opfers, nicht aber ein Sühnopfer („sacrificium tantum esse laudis et gratiarum actio­nis..., non autem propitiatorium“),...der sei mit dem Anathema belegt“ (DH 1753). Die katholische Kirche hat also immer auf der Bedeutung solcher Begrif­fe für die katholische Dogmatik bestanden.

Wenn man heute alles mögliche ändern will, muß man die klassischen Termini in Mißkredit bringen und sie die Gläubigen vergessen lassen. (…) Dementsprechend wurde in SC 47 der Begriff „sacrificium propitiatorium“ bewußt ausgelassen. Den Grund nennt Josef Andreas Jungmann SJ, selbst einer der Konzilsberater und halboffizieller Kommentator der Liturgiekon­stitution: „Es sollten nicht Lehrpunkte ohne Not eigens hervorgehoben werden, an denen die getrennten Brüder Anstoß nehmen.“* Im Text findet sich heute der wesentlich weniger deutliche Terminus „sacrificium eucha­risticum“ („eucharistisches Opfer“, wörtlich übersetzt: „Danksagungsopfer“). Aber selbst der erschien offenbar manchen Konzilsvätern und ihren Beratern noch als „zu katholisch“, setzte sich schließlich jedoch durch. Jungmann er­läutert, warum dies geschehen konnte: „Der Ausdruck sacrificium euchari­sticum freilich wäre vielleicht nicht durchgedrungen, wenn nicht Salvatore Marsili erst nachträglich in seinem Kommentar zur Stelle darauf hingewiesen hätte, daß Melanchthon den Ausdruck gebraucht hat, um damit gerade den Gegensatz zu dem von ihm abgelehnten sacrificium propitiatorium zu beto­nen.‘ Im Klartext heißt das: Es konnte vom erwarteten Beifall der Prote­stanten abhängen, ob die Konzilsväter (oder, besser gesagt, ihre progressive Mehrheit) einer Formulierung zustimmten oder nicht!“ (S. 55 f, ohne die Anmerkungen)

Nachdem dieser hier am „Einzelfall“ so deutlich sichtbar gemachte Geist nun 60 Jahre lang in der Kirche wirken konnte, muß sich niemand mehr wundern, wenn ein Papst die falsche Bischöfin von Canterbury als liebe Amtsschwester umarmt und die echten Bischö­fe der Piusbruderschft der Exkommunikation verfallen. Die schlechten Früchte des konziliaren Weges (von dessen Steigerungsform im synodalen Weg ganz zu schwei­gen) zeigen sich nicht nur in Statistiken, die nicht nur in Deutschland in allen Kenn­zif­fern (außer der Kirchensteuer) Niedergang und Zusammenbruch anzeigen.

Das läßt sich nicht mehr als mißlungene Implementierung einer im Prinzip gelungenen Veranstaltung oder als Produkt eines „Konzils der Medien“ wegerklären – das bedarf einer grundsätzlichen Kritik und Neufassung – sollte es sich nicht als sinnvoller und vor allem als richtiger erweisen, sich von derlei Texten ganz zu verabschieden. Das Evan­ge­lium des siebten Sonntags nach Pfingsten ist da ganz entschieden: An ihren Früchten werdet ihr Sie erkennen, und ein Baum, der schlechte Früchte trägt, wird umgehauen und im Feuer verbrannt.“ Ist es zu weit hergeholt, die gegenwärtige Kirchenkrise als einen Teil eben dieses Feuers zu begreifen?

Autor Heinz-Lothar Bart hat sich mit der zum Notstand geronnen Konzils- und Kirchen­kri­se seit Jahren und Jahrzehnten beschäftigt und kann für dieses Buch auf einen reich­haltigen Fundus von eigenen Arbeiten zum Thema zurückgreifen. Damit gelingt es ihm in dieser neuesten Veröffentlichung immer wieder, darzustellen, wie die Fehlleistungen des gegenwärtigen und des vorhergehenden Pontifikats, aber bereits auch schon viele bedenkliche Erscheinungen unter den Vorgängern, unmittelbar auf die in die Konzils­do­kumente eingedrungen Verirrungen der Anti-Theologie des Modernismus zurückzu­füh­ren sind. Also jener „Häresie aller Häresien“, deren Bekämpfung Papst Pius X. und die Angehörigen der nach ihm benannten Priesterbruderschaft als ihre vorrangige Aufgabe betrachtet haben und weiterhin betrachten.

Das Buch von Heinz-Lothar Barth: „Verdunkelung der Kirche - Zweites Vatikanisches Konzil“ ist erschienen im Sarto-Verlag und hat 288 Seiten. Es kostet € 19,80 und ist beim Verlag und über den Buchhandel, auch online, zu bekommen.

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