Aus dem Martyrologium zum 1. September:
Die Heiligen Josua und Gideon
02. September 2026
Gideon überrumpelt die Midianiter
Unser Martyrologium Romanum (1927) gedenkt zum (gestrigen) 1. September neben zahlreicher Märtyrer der Frühzeit des Christentums auch noch „In Palaestina sanctorum Josue et Gedeonis“. Die beiden gehören zu den frühesten Glaubens- und vor allem Volkshelden Israels. Folgt man den Berichten aus den Büchern Exodus und Josua war Josua/Jeshua ein Mitstreiter Moses beim Auszug aus Ägypten und wurde später dessen Nachfolger und Anführer bei der Eroberung Kanaans. Gideon, dessen Geschichte im Buch der Richter erzählt wird, tritt erst mehrere Generationen später auf und zählt zur Reihe des sogenannter „Richter“ – das waren Volksanführer, die nicht die Königswürde innehatten, denn Israels einziger König in dieser Periode war Jahwe selbst. Die Berichte des Alten Testaments über diese Gestalten sind keinesfalls historisch im heutigen Verständnis, sie geben dennoch bei richtiger Lesung ihrer mythologischen Form wichtige Auskünfte über den Glauben und die Lebensumstände der Israeliten in dieser vorstaatlichen Periode. (Gute Informationsquellen sind viele Artikel von Bibelkunde.at. Danach zu urteilen erscheint die Lebensbeschreibung Gideons deutlich aussagekräftiger als die Josuas.
Das beginnt schon bei den Informationen über seine Herkunft: Zu den Großtaten Gideons gehört unter anderem die Zerstörung eines Baalstempels, die ihm den Beinamen Jerubaal („Der mit Baal kämpft“) einbringt. Nur am Rande wird erwähnt, dass dieser Baalstempel von seinem Vater erbaut worden war, der dort auch als Baalspriester amtierte – die religiösen und verwandtschaftlichen Verhältnisse Früh-Israels waren gelinde gesagt unübersichtlich. Aber durchaus erklärbar: Wahrscheinlich hatte der kanaanitische Baalspriester mehrere Frauen, darunter auch eine Israelitin, die ihrem Sohn den Jahwe-Glauben vererbte und ihn so zum Kämpfer gegen das Heidentum des Vaters aufzog. Auffälligstes Merkmal dieses Jahwe-Glaubens ist eine sehr direkte Beziehung Gideons zu seinem Gott, mit dem er mehrfach vertrauensvoll spricht, dessen Befehle er entgegen nimmt und dabei gelegentlich auch darum bittet, den Befehl durch ein Zeichen, eine Art Gottesurteil, zu bestätigen – worauf Jahwe ohne jedes Anzeichen von Unmut eingeht.
Auch bei der überaus merkwürdigen Erzählung vom Zeichen des Vlieses: Vor einem Kriegszug untersagt Jahwe dem Gideon, seine ganze Streitmacht von über 30 000 Männern gegen den Feind einzusetzen, weil das im Falle des Sieges die Israeliten zu dem Irrglauben verleiten könnte, sie hätten durch eigene Kraft gesiegt. Nein – mit 300 Leuten soll Gideon ausziehen und durch Gottes Beistand den Feind besiegen. Jahwe bietet an, dieses befremdlichen Befehl durch ein Zeichen zu beglaubigen: Ein auf der Tenne ausgebreitetes Vlies werde in einer feuchten Nacht trocken bleiben – und so geschieht es. Doch ein Zeichen überzeugt Gideon noch nicht und erbittet sich für die nächste Nacht das umgekehrte Wunder: Bei trockenem Wetter soll das Vlies nass werden – und tatsächlich kann er am Morgen eine ganze Schale mit Wasser aus der Wolle wringen. (Buch der Richter 6, 36 folgende). Nur am Rande sei bemerkt, dass die Zahl von 300 Kämpfern weitaus realistischer erscheint als die zunächst genannten 30 000: Im „Gelobten Land“ gab es auf einer Fläche wenig größer als das Bundesland Hessen Dutzende von „Königreichen“, die sich unablässig bekriegten – die dürften alle zusammen keine 30 000 wehrfähige Männer aufzubieten gehabt haben.
Soclhe Geschichten von Wahrzeichen und Gottesurteilen gibt es mehrere, und am Ende steht fest, dass Gideon sich auf die Befehle Gottes unbedingt verlassen und in deren treuer Befolgung das Land bzw. dessen israelitsche Bewohner gegen alle Feinde beschützen kann. Die ihm daraufhin von den Israeliten angetragene Königswürde lehnt der fromme Gideon ab und bescheidet sich mit Gold (die wie üblich um Größenordnungen zu hoch angegebene Menge entspricht etwa 20 Kilo) aus der Kriegsbeute, aus der er ein „Ephod“ anfertigen läßt. Was das ist, bleibt unklar. Wahrscheinlich war es eine ornamentierte Brustplatte (kein Rüstungselement), wie sie später auch zum Ornat des Hohenpriesters gehören sollte und die es nach einigen Berichten auch mit bildlichen Darstellungen, etwa einem Götter-Porträt, gab. Möglicherweise sahen die Israeliten darin ein (im Dekalog streng verbotenes) Bild Jahwes oder anderer Gottheiten und verfielen nach Gideons Tod dem Götzendienst, indem sie das Bild auf dem Ephod anbeteten (Richter 8, 27) und sich damit den Unwillen Jahwes zuzogen.
Denn nach Gideons Tod ging es mit Israel steil bergab. Von seinen zahlreichen rechtmäßigen Frauen hatte er 70 Söhne, die gemeinsam über Israel herrschen sollten – doch ausgerechnet der Sohn einer nicht ganz so legalen Nebenfrau mit Namen Abimelech hatte eigene Pläne. Mit seinen Anhängern brachte er die anderen 70 (bis auf einen, der für zukünftige Wirrungen sorgen sollte) um und ließ sich zum König ausrufen. Das Volk aber fiel in den Baalsglauben zurück. (Richter 9, 1-6) Das beschädigte zwar auch Gideons Andenken bei den Juden späterer Zeiten beträchtlich, war jedoch kein Hindernis dafür, ihn unter die großen Helden der Vergangenheit einzureihen. Und von daher kam er dann auch in die Heiligenlisten des Martyrologiums, jedoch die Ehre einer eigenen Erwähnung in den Heiligen-Proprien der Messe oder im Stundenbuch blieb ihm verständlicherweise versagt.
Auf einem Umweg hat sich der ebenso listige wie gottvertrauende Gideon dennoch einen Platz in der Liturgie des Volkes Israel und der Kirche als dessen geistlichen Erben und Nachfolgers gesichert: Jeder Psalmenbeter kennt die Verse 10 – 13 aus Psalm 82 (Vulgata), die sich in der modernisierten, aber immer noch sprachkräftigen Übersetzung Luthers so lesen:
Mach’s mit ihnen wie mit Midian,
wie mit Sisera, mit Jabin am Bach Kischon,
die vertilgt wurden bei En-Dor
und wurden zu Mist auf dem Acker.
Mache ihre Fürsten wie Oreb und Seeb,
alle ihre Edlen wie Sebach und Zalmunna,
die auch einmal sagten:
Wir wollen Gottes Auen einnehmen.
Nun, all diese „Fürsten“ gehören zu den kanaanitischen bzw, midianitischen Stammeshäuptlingen, die im Buch der Richter als besiegte Kriegsgegner Gideons aufgezählt sind – und deren Niederlage ganz wie Jahwe es geboten hatte, nicht der Stärke des israelitischen Heeres und den Listen Gideons, sondern der Mach Gottes allein zugeschrieben wurde. Die Sänger der Psalmen haben sich daran gehalten.
Neben Joshua und Gideon zählt das Martyrologium am 1. September noch eine andere biblische Gestalt auf, bei der wir einen zumindest sehr lockeren Zusammenhang mit Gideon vermuten können – auch wenn diese Gesatlt nicht im Alten, sondern im Neuen Testament erwähnt wird. Es handelt sich dabei um die Prophetin Hannah, die nach dem Lukasevangelium (2, 38) bei der Darbringung Jesu im Tempel zugegen war, „Gott pries und zu allen sprach, die auf die Erlösung Jerusalems warteten“. Von ihr sagt Lukas, dass sie die Tochter Penuels war – und ein Penuel taucht auch im Buch der Richter im Zusammenhang mit Gideon auf, wenn auch nicht als Personen- sondern als Ortsname. Eines Ortes übrigens, der sich weigert, Gideon die verlangte Unterstützung für seine Kriegszüge zu geben.
Willkürlich wäre die Herstellung eines solchen Zusammenhangs jedenfalls nicht: Den Kirchenlehrern des Altertums – insbesondere den Vätern des Ostens – gilt Gideon auf vielfache, wenn auch gebrochene Weise, als einer der Typoi, eine der Vorgestalten Jesu Christi, des Erlösers Israels und der ganzen Welt. Diese Typoi waren zwar keine Propheten im engeren Sinn des Wortes – aber durch ihr Leben und Werk wiesen sie auf den kommenden Messias hin und hielten die Israeliten zu dessen Erwartung an. Wer könnte geeigneter sein, dem störrischen Volk die tatsächliche Ankunft des so lange erwarteten Messias zu verkünden, als eine Tochter Penuels – jener Stadt, die sich einst den Erwartungen und Anforderungen Gideons ebenso widersetzte, wie sich das Israel der Pharisiäer dem Anruf Christi widersetzen würde.
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