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Ist im Pontifikat Leos XIV ein Ende der Liturgiekriege zu erwarten?

04. September 2026

6 - Kirchenkrise

DDer

Blick in den Petersdom bei der Generalaudienz

Nach wie vor wird unter den Anhängern der über­lieferten Liturgie darüber gerä­tselt und allzu oft auch darüber gestrit­ten, ob unter dem nun nicht mehr ganz so neuen Pontifikat eine Entspannung in den von Franzis­kus neu entfachten Liturgiekriegen zu erwarten sei. In einem Schreiben, das Mitte August auf einer Tagung in der amerikanischen Abtei Mount Angel verlesen wurde, hatte Papst Leo die strengere Einhaltung der geltenden Vorschriften und eine bessere liturgische Bildung von Klerus und Laien gefordert. Das bezog sich zwar nur auf die derzeit geltenden Vorschriften, d.h. den Novus Ordo, wurde jedoch vielfach als Hoffnungszeichen gewertet. Verstärkt wurden diese Hoffnungen durch die päpstliche Katechese vom 19. August zur Kirchenmusik, in der Leo sich posi­tiv, aber unverbindlich, zum gregorianischen Choral und zum Gebrauch der Orgel äußerte. Doch schon in der folgenden Woche gab es eine kalte Dusche, als der Papst in seiner Katechese zu Sacrosanctum Concilium vom 26 August (nur auf englisch hier) nicht nur ein großes Loblied auf Wert und Erfolge der Liturgiereform anstimmte, sondern auch herbe Urteile über die vorher gefeierte Form der Liturgie fällte.

Dieses Hin und Her war nicht die einzige schlechte Nachricht für die Verteidiger der Tradition, die immer noch darauf hoffen und warten, daß Leo den von seinem Vorgänger mit Traditionis Custodes eingeschlagenen Kurs revidieren könnte. Die Bischofsweihen bei der Piusbruderschaft und deren am folgenden Tag mit der Präzision und Vorhersag­barkeit eines Uhrwerks erfolgende Exkommunikation haben den Gegnern der Tradition insgesamt erneut Auftrieb gegeben, den Kampf zur Durchsetzung ihrer Ziele voranzu­treiben.

Dieser Kampf spielt sich derzeit – zumindest soweit er öffentlich geführt wird – überwie­gend im nordamerikanischen Raum ab, und das hat zwei Gründe: Zum einen haben die deutschen und europäischen Bischöfe und Theologen derzeit andere Herzensanliegen (Stichwort synodaler Wege) als die liturgische Frage, so dass die Debatten zu diesem Thema hierzulande eher gedämpft verlaufen. Zum zweiten hat gerade die deutsche Theologie samt ihren Repräsentanten in Fakultäten und auf Bischofsstühlen weltweit fast Relevanz verloren – da hört einfach keiner mehr zu. Wir greifen daher im Folgenden überwiegend auf amerikanische Belegstücke zurück – sie lassen heute schon ahnen, was morgen auch Europa und Deutschland betreffen wird.

Als relevante Vertreter der amerikanischen Diskussion sollen hier zunächst zwei ameri­kanische Modernisten zu Wort kommen, die in Rom vielleicht nicht ganz so einflußreich sind wie ihre europäischen Kollegen – die aber freundlicherweise viel offenherziger mit ihren Gedanken umgehen als altgediente Kuriale. Da ist einmal der Jesuitenpater Tho­mas Reese (Jahrgang 1945), der im National Catholic Reporte runter der Überschrift „Why I hate the old Latin Mass: A confession“ (https://www.ncronline.org/opinion/guest-voices/why-i-hate-old-latin-mass-confession) eine Art Satire veröffentlichte. In der er gleich zwei Sakramentale Handlungen der Lächerlichkeit preisgibt, preisgeben will: Einmal die Eucharistische Liturgie von zwei Jahrtausenden, die er mit den plattesten Pseudo-Argumenten aus der Bugnini-Schule der 60er Jahre attackiert, und dann das Sakrament der Sündenvergebung, indem er diesen Angriff in ein fiktionales Beicht­ge­spräch kleidet. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Reeses Flachsinn ist wenig sinnvoll – aber Form und Stoßrichtung sind bemerkenswert.

Wenn man Reeses völlig im Denken des vorigen Jahrhunderts verwurzeltes Beichtge­spräch liest, versteht man durchaus die von Kardinal Sarah dieser Tage geäußerte Erwartung, die Opposition gegen die überlieferte Liturgie werden mit dem Dahingang der 68er Generation aussterben – nur dass wir diese Hoffnung nicht zu teilen vermögen: Längst haben ganze Kohorten modernistischer Theologen, opportunistischer Bischöfe und sonstiger Kirchenbeamten die Parolen von 1968 als Werkzeuge des Karriere­mana­ements entdeckt – die werden sie nicht so schnell aus der Hand geben.

Ebenso wenig gehaltvoll in seinen theologischen Positionen ist ein Artikel des ameri­kanischen Liturgologen Massimo Faggioli im Commonweal-Magazine, der die moder­neren Thesen aus Papst Leos Predigt zur Amtseinführung zum Ausgangspunkt nimmt: „Brüder und Schwestern, ich wünsche mir, daß dies unser erstes großes Anliegen sei: eine geeinte Kirche, ein Zeichen der Einheit und Gemeinschaft, die zum Sauerteig für eine versöhnte Welt wird“. Dieser Einheitsaufruf hindert ihn freilich nicht daran, aus der am 2. Juli ausgesprochenen Exkommunikation der Bischöfe der FSSPX abzuleiten , dieser doch in vielerlei Hinsicht zweifelhafte Rechtsakt beträfe nicht alleine die Bischöfe der Bruderschaft, sondern die ganze Gemeinschaft, Klerus und Gläubige zusammen. Einheit bedeutet für ihn offensichtlich Uniformität - und das bringt ihn auf einen Gedanken: „Mitglieder der Priesterbruderschaft St. Pius X., die in die Gemeinschaft mit Rom zu­rück­kehren möchten, müssen nun eine „Beitrittserklärung“ unterzeichnen, in der sie Gehorsam gegenüber dem Papst und der katholischen Hierarchie sowie die Aner­ken­nung aller Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils bekräftigen. Es wäre interessant zu sehen, was geschehen würde, wenn alle Katholiken (von den Bischöfen bis zu den Laien) dazu aufgefordert würden.“

Nun, die rechtliche Basis für die Einforderung einer solchen Erklärung zumindest für Gläubige, die an der „alten Messe“ teilnehmen wollen, läßt sich ohne Probleme aus der „Unvereinbarkeitserklärung“ in Traditionis Custodes ableiten. 125 Jahre nach der Ein­führung des „Antimodernisten-Eides“ durch Papst Pius X. erscheint die Einführung eines „Modernisten-Eides“ durchaus denkbar. Die „lebendige Tradition“ ist zu den erstaunlichsten Kapriolen fähig.

Weniger prominent als Reese und Faggioli, aber dafür näher an den pastoralen Niede­rungen der Integration zurückgebliebener Altritueller in die Konzilskirche, ist Fr. Paul Fliss, Pfarrer in Sheboygan, Wisconsin, In seinem Pfarrblatt vermittelt er den Gläubigen erstaunlichen Erkenntnisse, die wir in einiger Ausführlichkeit zitieren, weil sie im Ver­grö­ßerungsmodus erkennen lassen, was Papst und Kardinäle, Bischöfe und Professoren in reformkatholischem Jargon oft nur nebulös und verschleiert ausgesagt wird.

Bei seiner Begründung, Katholiken sollten keine der von der Priesterbruderschaft St. Pius X. angebotenen Gottesdienste besuchen, legt er einen aufschlußreichen Exkurs ein:

Es begint ein Zitat

Dabei geht es hier nicht um jene Gruppe, die innerhalb der Erzdiözese Milwaukee die Erlaubnis hat, die Messe auf Latein nach dem Römischen Messbuch von 1962 zu feiern. [Pfarrer Fliss bezieht sich hier auf eine Pfarrei von Christus König] Diese Gruppe steht in Gemeinschaft mit der Kirche, wenngleich der von ihr verwendete Ritus nicht denselben Status und dieselbe Würde genießt wie die Messe nach Paul VI., die wir – wann immer wir Messe feiern – auf Englisch begehen.

Die Möglichkeit, diese lateinische Messe zu feiern, ist ein Entgegenkommen; sie ist für jene gestattet, die im Glauben noch nicht weit genug gereift sind, um die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil approbierte Messe anzunehmen. Man hofft, daß die Gnade Gottes diesen Gläubigen helfen wird, die Abhän­gig­keit von der alten lateinischen Messe zu überwinden und sich in der Feier der Messe in der Landessprache der Gemeinschaft der übrigen Kirche anzu­schließen. Aus diesem Grund darf die Gemeinschaft der lateinischen Messe nicht für ihre Gottesdienste werben und sollte andere Katholiken nicht dazu einladen, sich ihr anzuschließen. … Warum sollte jemand einen Rückschritt im eigenen Glauben und im geistlichen Leben vollziehen wollen?

Was schert uns Wisconsin, könnte man hier einwenden - wenn nicht der wackere Klein­stadt-Pfarrer mit seinen Ausführungen vom 26. Juli so beunruhigend nahe an dem liegen würde, was Papst Leo in seiner Katechese vom 26. August zur Alten Messe zu sagen hat­te. Beide bekräftigen nur eine Argumentationslinie, die ofiziellerseits anscheinend seit längerem – nämlich seit Traditionis Custodes – als Richtschnur dient. Wobei Leo das jetzt in einem äußeren Rahmen verkündet hat, der den Papst ganz unverkennbar als Inhaber des höchsten Lehramtes inszenierte und den man sich für die feierliche Promulgation eines Dogmas kaum weniger grandios vorstellen kann. Die über einstündige Aufzeich­nung der Veranstaltung mit dem Vortrag von Schriftlesungen (selbstverständlich von Laien vorgenommenen), Zwischengebeten sowie der Verlesung einer Kurzfassung der „Katechese“ in mehreren Sprachen machen unmißverständlich klar: Das ist sehr, sehr ernst gemeint.

Das Wesentliche an dem, was der Papst hier in feierlichem Rahmen lehramtlich mitteilt, ist längst „an der Basis“ angekommen – bis zum Pfarrblatt in Wisconsin. Deshalb hat uns die feierliche Katechese in der Sache auch wenig Neues zu bieten. Ausgangspunkt des Vortrags ist die Anrufung des Konzilsdokuments Sacrosanctum Concilium in der üblichen verkürzenden Weise: Alles, was die Reformen rechtfertigen könnte, wird übertrieben hervorgehoben; alles was im Dokument selbst zur Wahrung der Kontinuität auffordert – etwa die grundlegende Vorgabe, nur da etwas zu verändern, wo die Notwendigkeit und der Nutzen unmittelbar einsichtig sind – bleiben ungenannt. Das alles verschwindet in einem theologisch-ideologische Framing mit den Begriffen von „Zugänglichkeit“ und „vollerer Teilnahme“. Doch Zugänglichkeit war noch nie einer der Namen Gottes, und die vom Papst als Referenz angeführt liturgische Bewegung hate zumindest in ihrer glau­bens­treuen Phase hatte nie das Ziel, die Liturgie für den leichteren Konsum herunter zu transformieren, sondern den Gläubigen Mittel an die Hand zu geben, den Ansprüchen des Gottesdienstes besser gerecht zu werden: nach Oben zu schauen, sich nach oben weiterzuentwickeln.

Zum Stichwort „vollere Teilnahme“ wäre anzumerken – wie übrigens ganz allgemein zu der amtlichen Rede über das Superkonzil der 60er Jahre – daß die Hoffnungen und Erwartungen der Konzilszeit, die inzwischen auch schon bald ein Jahrhundert zurück–liegt, von den liturgischen Revolutionären ganz umstandslos als erfüllt eingebucht und kapitalisiert werden - obwohl doch jeder Blick in die reale Welt zeigen müßte, daß davon in keiner Weise die Rede sein kann. Als Beispiel ein Blick auf Deutschland: Hier nahmen an der „unzugänglichen“ Sonntags­messe des Jahres 1955 nach dem amtlichen Zahlen­material der DBK jeden Sonntag etwa 12 Mio Katholiken teil – die zugängliche Messe des Novus Ordo brachte im Jahr 2025 wenig mehr als 1,2 Millionen Gläubige dazu, die­sen Zugang auch zu nutzen. Für andere mitteleuropäischer Länder und für die Teilnahme an den anderen Sakramenten kann man ähnliche Entwicklungen feststellen. In Frank­reich liegen die Zahlen für die Teilnahme an der „Alten Messe“ und an der Reformliturgie schon in vergleichbarer Größenordnung.

Doch das Unternehmen „Zugänglichkeit“ ist nicht nur auf der quantitativen Ebene grandios gescheitert, sondern auch qualitativ: Der Glaube an das, was nach katholischer Lehre bei der hl. Messe tatsächlich geschieht, ist selbst bei den Wenigen, die noch den Weg zum sonntäglichen Gemeindetreff finden, ebenso dramatisch zurückgegangen wie die Teilnehmerzahlen. Der Versuch des Papstes oder seiner Redenschreiber, diesen kata­strophalen Schrumpfungsprozess in feierlichem Rahmen als Fortschritt erscheinen zu lassen, kann nur als Ausfluß ideologischer Realitätsverweigerung verstanden werden – mit dem Ziel, die so entstandene Schrumpfform des ehemals Katholischen als global­verträgliches und ökumenefreundliches „neues Normal“ zu etablieren.

Wenn dem so wäre, signalisiert das gegenüber den Anhängern der Tradition einen Umgang nach einem zweigleisigen Verfahren „Umerziehung für die einen – also die spirituell Minderbemittelten, die immer noch die Messe beim Institut Christus König oder einem anderen Traditionsinstitut besuchen – radikale Abstoßung für die anderen: ab ins Schisma. Das diente dann freilich nicht einer Abmilderung Revision der in TC ausgesprochenen Unvereinbarkeitserklärung, sondern deren weiterer Zuspitzung.

Von daher erscheint es auch wenig aussichtsreich, wenn jetzt einige wohlmeinende Bischöfe und Kardinäle darum bitten, aus seelsorgerischen Gründen zumindest die Teilnahme an der „alten Messe“ zu erleichtern. Tatsächlich gibt es in den USA bereits Bischöfe, die dazu konkrete Schritte eingeleitet haben; so hat Bischof Menjivar von Wheeling-Charleston die Zahl der zugelassenen Messorte für den Usus Antiquior von bisher zwei auf fünf erhöht. Andere haben ähnliche Pläne angekündigt. Selbst wenn sie dabei den Hintergedanken gehabt hätten, der an manchen Orten erkennbar einsetzenden „Fluchtbewegung“ zur FSSPX etwas entgegen zu setzen, wäre dagegen schwerlich etwas einzuwenden.

Problematisch wird die Erfüllung des Rufes nach der „Latin Mass“ – so wird die „Alte Messe“ im englischen Sprachraum meistens genannt – dann, wenn sie dazu genutzt wird, den Gläubigen einen „würdig gefeierten Novus Ordo in lateinischer Sprache“ unterzu­schie­ben. Der mag würdig und gültig sein – aber einen Ersatz für den Reichtum und die Tiefe der „alten Messe“, eine „Brandmauer“ gegen die von vielen modernistischen An­hän­gern des Novus Ordo in die Liturgie eingeschleppten Irrtümern, bietet das nicht. Und das gilt doppelt, wenn mit einem solchen Schein-Zugeständnis gleichzeitig der Zugang zur Spendung der anderen Sakramente eingeschränkt wird - wie das nach Traditionis Custodes ausdrücklich vorgesehen ist.

Auch das sind längst nicht nur unbegründete Befürchtungen oder theoretische Gedan­kenspiele, wie gerne in beruhigendem Tonfall versichert wird. Nach einem Bericht auf Lifesite.news hat die Erzdiözese Seattle es der Petrusbruderschaft, die seit Jahren für die Pfarrseelsorge in Edmonds WA zuständig ist, nicht nur die Durchführung von Fir­mun­gen in der überlieferten Form (mit traditionsfreundlichen „Leihbischöfen“) verboten, sondern auch eine eigene Firmvorbereitung untersagt: Wer in Zukunft in der Erzdiözese gefirmt werden will, muß am Firmunterreicht einer regulären (d.h. die Reformliturgie praktizierenden Pfarrei) teilnehmen und dann auch dort gefirmt werden, während die Petrusbrüder Däumchen drehen sollen. Nun wissen wir natürlich nichts über die Qualität dr Firmunterweisung in Seattle - aber nach deutschen Erfahrungen zu urteilen, wo der Kommunionunterricht auch schon mal von einer protestantischen Freundin der Ge­mein­de übernommen wird und gelegentlich seinen Höhepunkt im gemeinsamen Brot­backen findet, muß man mit dem Schlimmsten rechnen.

Die Einschränkung des überlieferten Ritus bei der Sakramentenspendung auf die Mess­liturgie wird übrigens auch in Deutschland zumindest an einigen Orten bereits prakti­ziert, wie wir im Januar ausweislich der Situation in Paderborn feststellen mußten. Aber dort kann wenigstens (noch) eine eigenständige Firmvorbereitung stattfinden.

Das Erbe Franziuskus' in Traditionis Custodes bringt also weiterhin seine vergifteten Früchte hervor. Die Forderung derer, die die katholische Tradition in Lehre und Liturgie erhalten wollen, kann sich also nicht auf den Ruf nach einer „großzügigere Erlaubnis“ zur Feier der alten Messe beschränken, sondern muß auf die Aufhebung vdieses dringen - doch genau damit ist nach der feierlichen „Heiligsprechung“ der Reformliturgie durch Papst Leo in keiner Weise zu rechnen. Solange das so bleibt, ist für die Zukunft der überlieferten Lehre und Liturgie in der römischen Kirche wenig zu erhoffen.

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