Unklare Signale zur Zukunft der
liturgischen Tradition
15. September 2026
Schon der Gebrauch des Novus Ordo enthält die Einladung zum Mißbrauch
Zum Stand der Dinge um die überlieferte Liturgie haben wir zwei aktuelle Nachrichten. Zuerst die bessere: Nach einer in mehreren Webpublikationen verbreiteten Nachricht konnte am gestrigen Festtag des hl. Erzengel Michael wie bereits vor einer Woche von Messa in Latino angekündigt ein bisher namentlich nicht bekannter Priester am Michaelsaltar der Peterskiche eine heilige Messe im überlieferten Ritus zelebrieren.
Warum die bessere Nachricht keine wirklich gute ist, erschließt sich aus den näheren Umständen: Der Priester bleibt namenlos; der Zeitpunkt 7 Uhr ist mäßig einladend, und das Photo, das einige Web-Publikationen z.B. LifesiteNews zur Illustration nutzten, kommt von Shutterstock und ist nach einer Recherche in Alamy vom 7. September 2017. Das festzustellen bedeutet nicht, die Tatsache der Zelebration selbst zu bestreiten, sondern weist darauf hin, unter welchen Umständen nach den gegenwärtig im Vatikan herrschen Richtlinien vereinzelte Feiern im alten Ritus geduldet werden können: Unter höchster Diskretion und ohne Öffentlichkeit.
Das paßt durchaus zu der zweiten, etwas schlechteren Nachricht zum Thema. Papst Leo ist bei seiner Predigt zum Vesper-Gottesdienstes am vergangenen Freitag (25. 9.) in der Kathedrale Notre Dame auch in einiger Ausführlichkeit auf die Frage der Liturgie eingegangen. Einen Punkt dabei bildete die seinerseits bereits öfter ausgesprochene Aufforderung, liturgische Feiern „in Würde und gebührender Weise“ zu begehen und die tiefe Bedeutung und Schönheit der Liturgie, die seit Jahrhunderten überliefert worden sei, zu achten. Dabei wiederholte er die – anders kann man es kaum bezeichnen – Falschaussage, „Das Zweite Vatikanische Konzil, dessen Reichtum Frankreich viel zu verdanken hat, hat dieses Erbe in herausragender Weise aufgegriffen und vertieft“. Dann wiederholte er auch das bereits mehrfach vorgetragene Einheits-Argument „Die eucharistische Freude setzt sich durch und breitet sich dort aus, wo man wieder zur Eintracht findet, wo die Würde wieder hergestellt wird, wo Autorität zum Dienst wird, wo die Freiheit wieder in Gang kommt. Das ist das größte Geschenk, das wir miteinander teilen können. Stellt also die Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri und mit der Kirche über eure persönlichen Befindlichkeiten, um die Einheit des Volkes Gottes zu pflegen.“
Dabei erhält dieses Argument einen neuen „Spin“ durch die Einführung von „persönlichen Befindlichkeiten“ – und damit wird die Ebene der Diskussion auf entscheidende Weise verlagert. Seit Franziskus und auch in den bisherigen Einlassungen von Papst Leo fand die Debatte auf der Ebene der Lehre statt: Die überlieferte Liturgie sollte (allen Kontinuitätsbeteuerungen zum Trotz) mit der neuen Akzentuierung der Lehre durch das II. Vatikanum nicht mehr vereinbar sein und mußte daher zur Wahrung der „Einheit im Glauben“ eingeschränkt und zurückgedrängt, früher oder später ganz in Museum verbannt werden. Es ging um die Wahrheit. Jetzt wird die Ebene der Auseinandersetzung auf bemerkenswerte Weise verdreht. Einerseits könnte „persönliche Befindlichkeiten“ eine gewisse Entspannung im Sinne eines modegemäßen „jeder nach seinem Geschmack“ andeuten – andererseits wird der gerade zur Geschmacksfrage abgewertete Gegenstand der Meinungsverschiedenheiten aber durch die Verbindung mit dem Argument der Einheit unter dem Nachfolger Petri ein enormer Nachdruck verliehen: Ihr unverständigen Tradis – wollt ihr etwa wegen persönlicher Befindlichkeiten das höchste Gut, die Einheit unter Petrus, aufs Spiel setzen?
Das passt natürlich vorne und hinten nicht zusammen: Entweder geht es um persönliche Befindlichkeiten – deren hat die Kirche schon viele ausgehalten und hätte sich schwerlich dazu verleiten lassen, darin eine essentielle Gefährdung der Einheit zu sehen und ihre stärksten Machtmittel im Kampf gegen „persönliche Präferenzen“ einzusetzen. Oder es geht um substantielle Differenzen in Fragen der Lehre und ihrer Umsetzung. Dann kann der Einsatz von Machtmitteln im Notfall durchaus gerechtfertigt und erforderlich sein – aber nicht ohne die Durchführung eines regelgebundenen Verfahrens, zu dem seit der neuen Inquisitionsordnung der Dominikaner des 14. Jahrhunderts auch stets die Anhörung des Beschuldigten und die Möglichkeit zur Gegenrede gehörten.
Für die zukünftige Entwicklung der Stellung der überlieferten Liturgie in der offiziellen Kirche von Rom eröffnet das keine guten Aussichten: Eine Duldung nach dem Belieben der Obrigkeit in Sonderfällen (wie gestern in St. Peter) mag möglich sein – doch eine grundsätzliche Aufarbeitung des Streitgegenstandes unter Anerkennung seiner historischen und kirchenrechtlichen Dimensionen – wofür Papst Benedikt mit seinem „Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß; es kann nicht plötzlich rundum verboten oder gar schädlich sein.“ einen unhintergehbaren Maßstab gesetzt hatte – ist unter diesen Vorzeichen nicht zu erwarten.
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