9. Oktober: Gedenktag des Patriarchen
Abraham, Vaters der Gläubigen
09. Oktober 2026
Der Aufstueg zum Berg Morija als Vorgestalt des Aufstiegs nach Golgatha
Meine Ausgabe des Martyrologium hat für den 9. 10. an erster Stelle eine relativ ausführliche Vorstellung dreier Märtyrer der frühesten Zeit, darunter des Dionysos Aeropagita, von dem man kaum mehr weiß, als daß er zu den von Paulus auf einer seiner Missionsreisen bekehrte und getauften Griechen gehört. (Apg 17,34 ) An zweiter Stelle folgt der bemerkenswert knappe Hinweis: Eodem die Memoria sancti Abrahae, Patriarchae et omnium credentium Patris: Heute ist der Feiertag des hl. Stammvaters Abraham – von dem die lateinische Kirche im übrigen wenig Aufhebens zu machen pflegt. In Missale und Brevier hat er soweit wir sehen keine Erwähnung gefunden. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Das Missale Hierosolomitanae mit den Eigenmessen des lateinischen Patriarchats von Jerusalem vezeichnen für den 9. Oktober ein Duplex majus S. Abrahae Confessoris mit einem vollständigen Propriumsformular, das es wert ist, etwas näher betrachtet zu werden.
Der Introitus beginnt mit dem Bundesversprechen aus Genesis 12, 2: „Ich werde Dich zu einem großen Volke machen, ich will dich segnen und deinen Namen groß machen, und du wirst gepriesen sein.“ Dem folgt der 2. Vers von Psalm 77: „Höre Volk, mein Gesetz, und neigt euer Ohr den Worten meines Mundes.“ Damit ist die heilsgeschichtliche Stellung Abrahams präzise angezeigt. Er ist, wie es auch das Martyrologium aussagt, der Vater aller Gläubigen – und er ist es deshalb, weil er dem Wort und dem Gesetz Gottes unbedingt gefolgt ist.
Die Oratio führt das weiter aus und über das Judentum (und auch den Islam) hinaus: „Gott, der Du dem Abraham als Lohn für seine Treue versprochen hast, Deinen Eingeborenen Sohn als seinen Nachkommen in der Welt geboren zu werden, gewähre uns gnädig, dass wir durch den Glauben, den wir in der Taufe empfangen haben und der in uns bis zum Tode im (Geist) der Liebe wirksam ist, verdienen, in den Himmel geboren zu werden.“
Dieses Tagesgebet macht in seinem Inhalt deutlich, daß mit der Formel „omnium credentium pater“ nicht der Vater aller und jeder, die irgendwie und irgendetwas glauben gemeint ist, sondern derer, die ihren Glauben durch die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes empfangen und bewährt haben. In dieser Form bietet die Oration ein besonders kostbares Exemplar des kirchenlateinischen Paralleismus, der uns in vielen Orationen zu Heiligenfesten in der schlichteren Form begegnet: „dass wir durch die Fürsprache derer, die im Himmel für uns eintreten, hier auf Erden Deiner Gnade teilhaftig werden“. Im Tagesgebet für Abraham sind nicht nur die „Orte“ Himmel und Erde einander gegenüber gestellt, hier wird auch die ganze heilsgeschichtliche Dynamik in wenigen Worten zusammngefasst. : Der eingeborene Sohn Gottes wird zum Lohn für dessen Treue als Abrahams Nachkomme (zunächst im Singular) in die Welt geboren, damit seine Nachkommen – jetzt ausgeweitet auf das alte und das in Christus erneuerte Israel – auch ihrerseits in den Himmel hinein geboren werden können.
Die Lesung zitiert die biblische Grundlage dieses hier ausgedrückten Glaubens aus dem 11. Kapitel des Briefes an die Hebräer – an Judenchristen also, denen sowohl die heilsgeschichtlichen Verheißungen des alten Bundes an Abraham als auch deren Einlösung im neuen Bunde gegenwärtig waren (Hebr. 11, 8 – 19).
Das Graduale bekräftigt den Gedanken ein drittes Mal mit einem Zitat aus Ps. 39 (40), Verse 5 – 6: „Selig der Mann, der sein Vertrauen auf den Herrn setzt und nicht die Eitelkeiten und Verirrungen der Welt betrachtet. Zahlreiche Wunderdinge hast Du, mein Gott getan, und niemand kommt der Tiefe Deiner Gedanken gleich.“ Die Bedeutung dieser Verse liegt darin, dass sie ausdrücklich unterstreichen, daß das Vertrauen, das Abraham seinem Gott entgegen bringt – trotz einiger Anklänge und geläufigen Deutungen in dieser Richtung – eben kein blinder Gehorsam ist, sondern Ausdruck einer lebendigen Erfahrung: Treue als Anwort auf Treue.
Die Lesung aus dem Evangelium Johannis (8, 51 – 59) bringt den bekannten Wortwechsel zwischen Jesus und den Schriftgelehrten mit der Passage: „Euer Vater Abraham war voller Hoffnung, meine Tage zu sehen – er sah sie, und freute sich sehr“ – worauf diese Bibelkenner in spöttischer Gegenrede erwidern: „Du bis keine 50 Jahre alt willst Abraham gesehen haben?“ Die Antwort mit dem damals wie heute Anstoß erregenden Präsenz: „Ehe Abraham ward, bin ich“ übermittelt die gleiche Botschaft wie der sprachliche Parallelismus des Tagesgebetes und stellt klar: Abraham kommt aus der Zeit – der Erlöser Christus kommt aus der Ewigkeit.
Das Offertorium greift das mit Psalm 118, 16 auf, und deutet die Verbindung des Erlösers zu seiner Vorgestalt im abgewendeten Opfer Isaaks durch Abraham an: „Die Rechte des Herrn ist von großer Macht, die Rechte des Herrn erhebt mich, ich werde nicht sterben, sondern leben und von den Taten des Herrn berichten.“ Die Sekret führt das, was hier noch dunkel bleibt, heller aus: „Gott, Du hast deinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben; gewähre uns Deinen Dienern im Hinblick auf das Opfer unseres Patriarchen Abraham, das jenes Opfer (nämlich das gerade am Altare vergegenwärtigte Opfer von Golgatha) unserer Hingabe und unserem Heil zugute komme.“ Im lateinischen Text: „Deus, qui proprio Filio tuo Unigenito non pepercisti, sed illum pro nobis omnibus tradidisti, concede famulis tuis per oblationem patriarchae nostri Abrahae, ut hoc sacrificium devotioni nostrae proficiat et saluti.“
In der knappen Form dieser liturgischen Gebete bietet das Formular der Messe zum Gedenken an den Vater aller Gläubigen ein Musterbeispiel dafür, wie das Alte Testament in der Perspektive der Kirche und auf Christus hin zu lesen ist. Damit ist es weit entfernt von jener modischen interreligiosen Profillosigkeit der Gegenwart, die nicht nur im Zusammenhang mit Abraham peinlichst jeden Hinweis auf das vermeidet, was doch letztlich die eigentliche Bedeutung dieses Testaments und unseres Glaubens insgesamt ausmacht: Die Erfüllung in Christus.
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