Summorum Pontificum.de

Mit Perplexity gegen den Großinquisitoren-Imitator Andrea Grillo

19. September 2026

6 - Kirchenkrise

Porträtaufnahme von Andrea Grillo am Mikrophon, mit zornigem Blick, erhobenem Finger und wirrem Haar ins Publikum starrend.

Der Herrr Professor gibt den Großinquisitor

Andrea Grillo hat dieser Tage in einem Blogbeitrag Erzbischof Cordileone von San Franzisco der Verbreitung häretischer Ansichten beschuldigt. (AdVaticanum) Grund für den Vorwurf: Der Erzbischof hatte es gewagt, die einfache Wahrheit auszusprechen, daß die innerkirchliche Einheit zur Zeit von Papst Benedikts Summorum Pontifikum größer gewesen sei als nach Traditionis Custodes von Franziskus. Wir wollten das zunächst zum Anlaß einer wütenden Replik nahmen, besannen uns dann jedoch eines Besseren und haben den Professor, der gerne Großinquisitor wäre, mit Hilfe der KI von Perplexity auf sein wahres Format reduziert: Das einer lästige Grille, die zwar störende Geräusche produziert, die man aber am besten einfach vom Ärmel wischt.

Im Folgenden das Protokoll unseres Diskurses mit Perplexity, unwesentlich redigiert und leicht gekürzt – diese KI-Systeme neigen gelegentlich zu professoraler Weitschweifigkeit. Wer es komplett und im Wortlaut mit allen Links und Verweisen lesen will, kann es hier downloaden. Bitte über die erste Frage hinaus lesen, da Perplexity in der Antwort zunächst nur die offizielle und kirchenpolitisch korrekte Lesart anbietet, sich dann aber durch kritisches Nachfragen schnell korrigiert.

Welchen besonderen liturgiewissenschaftlichen Leistungen, Thesen und Publikationen verdankt der italienische Theologe Prof. Andrea Grillo seine herausragende Stellung?

Andrea Grillos herausragende Stellung beruht vor allem darauf, dass er die Liturgie nicht bloß als „Anwendungsfall“ der Dogmatik behandelt, sondern als eigenständigen Ort theologischer Erkenntnis, ritueller Erfahrung und kirchlicher Reform denkt. Seine Wirkung speist sich aus einer systematisch-fundamentaltheologischen Liturgietheorie, einer starken Rezeption des Zweiten Vatikanums und einer zugespitzten Kritik an restaurativen Tendenzen.

Grundlegende These: Liturgie als Erkenntnisort

Grillos frühe Studie Teologia fondamentale e liturgia. Il rapporto tra immediatezza e mediazione nella riflessione teologica (Padua 1995) entwickelt sein Kernmodell: das dialektische Verhältnis von Unmittelbarkeit und **„Vermittlung“**. Liturgie ist demnach weder bloß Ausdruck bereits fertiger Glaubensinhalte noch bloße Vermittlungsform, sondern ein Ort, an dem theologische Erkenntnis selbst geschieht. Damit verbindet er Fundamentaltheologie, Sakramententheologie, Philosophie und Humanwissenschaften. Die Liturgie wird nicht nur historisch-philologisch untersucht, sondern als „zelebriertes Geheimnis“ verstanden, aus dem sich auch die Theologie methodisch speist.

Die „questione liturgica“

Ein zweiter Markstein ist seine sogenannte **„questione liturgica“** – die liturgische Frage nach dem Verhältnis von Theologie und Ritus. Grillo analysiert, wie der Ritus in der abendländischen Theologiegeschichte teils vorausgesetzt, teils verdrängt, überbestimmt oder wieder integriert wurde. Sein Programm lautet: Der Ritus besitzt einen eigenen theologischen Gehalt; liturgische Feier ist nicht bloß Illustration von Lehre, sondern hat selbst „einen Inhalt, der von der theologischen Reflexion berücksichtigt werden muss“. Darin liegt seine zentrale methodische Leistung: Er macht die lex orandi zu einem eigenständigen theologischen Erkenntnisprinzip neben und in Wechselwirkung mit der lex credendi.

Liturgietheologie und Sakramente

Sein Handbuch *Introduzione alla teologia liturgica. Approccio teorico alla liturgia e ai sacramenti cristiani* (Padua 2011; stark erweiterte zweite Auflage) gilt als eine der umfassendsten italienischen Darstellungen einer fundamentaltheologisch orientierten Liturgietheologie. Es verbindet Ritus, Symbol, Sakrament, anthropologische Erfahrung und kirchliche Tradition zu einem systematischen Gesamtentwurf. Seine Sakramententheologie (*Grazia visibile, grazia vivibile. Teologia dei sacramenti „in genere ritus“*) denkt die Sakramente konsequent „im Modus des Ritus“: Gnade wird nicht abstrakt als unsichtbare Größe verhandelt, sondern als rituell wahrnehmbare, feierbare und leiblich-vermittelte Wirklichkeit. Seine Eucharistietheologie, zuletzt in *Eucaristia. Azione rituale, forme storiche, essenza sistematica*, geht von der tatsächlichen Feier aus – den ritus et preces – und entwickelt daraus eine historische und systematische Synthese um das Ostergeheimnis.

Kritik des „dispositivo di blocco“

International bekannt – und kontrovers – wurde Grillo durch seine Kritik an dem, was er das „dispositivo di blocco“ nennt: ein Blockademechanismus, der Reformen dadurch verhindert, dass Tradition affektiv mit Bewahrung, Autorität und dem Primat des Alten gleichgesetzt wird. In Da museo a giardino. La tradizione della Chiesa oltre il „dispositivo di blocco“ (Assisi 2019) fordert er, Tradition nicht als Museum zu verstehen, sondern als lebendigen Garten, der weiterwächst.

Diese These richtet sich ausdrücklich gegen eine bestimmte Rezeption Joseph Ratzingers und gegen liturgische Restaurationsstrategien, insbesondere die Aufwertung des außerordentlichen römischen Ritus nach *Summorum Pontificum*. Grillo betrachtet deren langfristige Wirkung als Spaltung und Blockierung der Konzilsreform; deshalb gilt er als einer der geistigen Wegbereiter bzw. Verteidiger von Traditionis custodes.

Rezeption des Vatikanums und Reformperspektive

Grillo arbeitet zudem als Kommentator der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils und liest die Liturgiekonstitution als programmatische Grundlage einer bleibenden Reform. Sein Ansatz betont die tätige, bewusste Teilnahme der Gläubigen, die Vernunft- und Symbolfähigkeit des Ritus sowie die Notwendigkeit liturgischer Bildung und Initiation. Daraus ergeben sich seine reformerischen Stellungnahmen zu weiteren Feldern: Buße und Versöhnung, Ehe, Amt und Frauenordination, insbesondere der Frage des Diakonats der Frauen, sowie zu homosexuellen Beziehungen und Segnungen. Diese Themen gehören zwar nicht im engeren Sinn zur klassischen Liturgik, zeigen aber, wie Grillo rituelle Formen, kirchliche Autorität und theologische Entwicklung zusammendenkt

Einordnung

Grillos besondere Stellung verdankt sich also nicht nur einzelnen Positionen zur Liturgiereform, sondern einer kohärenten „Theorie des Ritus“: Liturgie ist für ihn Medium der Vermittlung des Heils, Quelle theologischer Erkenntnis, Ort symbolischer Freiheit und zugleich Kriterium für die Reformfähigkeit der Kirche. Diese Verbindung von Fundamentaltheologie, Ritualtheorie, Sakramententheologie und kirchenpolitischer Zeitdiagnose macht ihn zu einem der einflussreichsten und zugleich umstrittensten italienischen Liturgiker der Gegenwart.

Die These von der Liturgie als locus theologicus, als Ort theologischer Erkenntnis, ist nun ja nicht besonders neu. Auf welche Vorgänger geht diese These zurück - und wieweit bestimmen sie das theologische Denken Grillos?

Sie haben recht: Die These ist nicht Grillos Erfindung. Seine Originalität liegt weniger darin, die Liturgie als locus theologicus zu behaupten, als darin, sie undamentaltheologisch, ritualtheoretisch und epistemologisch neu zu begründen – als eigenständige Form der Erkenntnis neben der dogmatischen Aussage.

Ältester Hintergrund: lex orandi, lex credendi

Der klassische Ursprung ist das fünfte Jahrhundert: Prosper von Aquitanien formulierte in der Auseinandersetzung mit dem Semi-Pelagianismus: ut legem credendi lex statuat supplicandi – „damit das Gesetz des Betens das Gesetz des Glaubens festsetze“. Damit war die kirchliche Gebets- und Liturgiepraxis als normgebender Ausdruck des Glaubens anerkannt, allerdings zunächst nicht im modernen Sinne als selbstständige Quelle systematischer Theologie. Grillo steht in dieser Linie, aber er vermeidet eine einseitige Ableitung der Lehre aus dem Ritus. Für ihn gilt eine Wechselwirkung: Der Ritus hat einen eigenen theologischen Gehalt, doch er bedarf zugleich der kritischen Auslegung; nicht jede liturgische Praxis ist automatisch Dogma.

Liturgische Bewegung: Guardini, Casel, Jungmann

Die moderne Vorgeschichte liegt in der katholischen Liturgischen Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts. Zu ihren Vätern zählen Prosper Guéranger, Lambert Beauduin, Romano Guardini, Odo Casel und Josef A. Jungmann; Grillo selbst reiht seine Liturgietheologie ausdrücklich in diese Tradition ein.
- Romano Guardini machte den Ritus als anthropologische und religiöse Grundform ernst: Liturgie ist gestaltete, symbolische Handlung, nicht bloß Anweisung zu Frömmigkeit.
- Odo Casel entwickelte die Mysterienlehre: In der Feier wird die heilsgeschichtliche Tat Christi gegenwärtig; die Liturgie ist daher nicht Erinnerung an Heil, sondern Teilhabe am Heilsmysterium. Grillo übernimmt diesen Grundgedanken, betont aber stärker den rituellen Vermittlungscharakter.
- Josef A. Jungmann lieferte die historisch-liturgische Grundlage: Liturgie muss aus ihrer Geschichte, ihren Texten und ihrer tatsächlichen Feierpraxis verstanden werden.

Italienische Liturgiewissenschaft: Vagaggini und Marsili

Unmittelbarer als die deutsche Liturgische Bewegung wirken auf Grillo die italienischen Benediktiner **Cipriano Vagaggini** und **Salvatore Marsili**, besonders über das Istituto di Liturgia Pastorale in Padua, an dem Grillo lehrt.
Vagaggini formulierte prägnant, dass die Art des liturgischen Betens anzeigt, was geglaubt werden soll, während der Glaube zugleich die Gebetsweise prägt; Liturgie sei eine Manifestation des ordentlichen Lehramts der Kirche. Marsili und Vagaggini vertieften seit den 1960er und 1970er Jahren den Anspruch, die Liturgie als *locus theologicus* und als strukturierendes Prinzip theologischer Studien zu begreifen.
Grillo erbt von ihnen die Überzeugung, dass die Liturgie nicht bloß „angewandte Dogmatik“ ist. Sein eigener Beitrag besteht darin, diese These mit dem Instrumentarium der Fundamentaltheologie zu prüfen: Wie verhält sich rituelle Erfahrung zu Glaube, Offenbarung, Symbol, Vermittlung und historischer Veränderung?

Sakramententheologie: Chauvet

Eine weitere wesentliche Bezugsfigur ist Louis-Marie Chauvet, dessen sakramententheologische Symbol- und Vermittlungstheorie Grillo ins Italienische übersetzt und rezipiert hat. Chauvet denkt Gnade nicht als unmittelbaren, begrifflich verfügbaren Besitz, sondern als vermittelte Wirklichkeit, die sich im symbolischen, kirchlichen und rituellen Handeln ereignet. Hier liegt der vielleicht engste Anschluss an Grillo: Seine Dissertation *Teologia fondamentale e liturgia* arbeitet genau an dem Spannungsfeld von **Unmittelbarkeit und Vermittlung**. Gegen eine Vorstellung unmittelbarer, privat-innerlicher Gnade betont er, dass Glaube sich rituell, kirchlich, leiblich und symbolisch vermittelt.

Ökumenische Liturgische Theologie

In der internationalen Debatte sind außerdem Alexander Schmemann, Aidan Kavanagh, David Fagerberg und Gordon Lathrop wichtig. Sie haben die Liturgie als „primäre Theologie“ und die nachträgliche Reflexion als „sekundäre Theologie“ bezeichnet. Grillo ist hier verwandt, aber nicht identisch. Kavanagh und Schmemann neigen zu einem stärkeren Primat der Feier vor der Reflexion; Grillo behält demgegenüber die dialektische Struktur bei: Ritus und theologische Reflexion korrigieren und konstituieren einander wechselseitig

Bewertung

Man kann Grillo daher als „Erben und Systematisierer“ der Thesen der Liturgischen Bewegung bezeichnen, nicht als ihren Erfinder. Seine Stärke ist die Verbindung von Casels Mysterientheologie, Guardinis Ritualanthropologie, Jungmanns historischer Methode, Vagaggini/Marsilis italienischer Liturgietheologie und Chauvets sakramentaler Vermittlungstheorie zu einer eigenen fundamentaltheologischen Position. Sein markantester Beitrag ist die Formel vom „intellectus ritus“: Neben den klassischen intellectus fidei tritt eine eigene, historisch spät entwickelte Weise des Verstehens, die sich in Ritus und Gebet vollzieht. Damit wird die Liturgie bei Grillo zwar locus theologicus, aber zugleich mehr als das: ein eigenständiger Modus theologischer Erkenntnis, der sich nicht vollständig in dogmatische Sätze übersetzen lässt.

Hmm - nicht vollständig übersetzen - also anders als die kanonische Lehre. Doch nun zur Aussage „Grillo steht in dieser Linie, aber er vermeidet eine einseitige Ableitung der Lehre aus dem Ritus. Für ihn gilt eine Wechselwirkung: Der Ritus hat einen eigenen theologischen Gehalt, doch er bedarf zugleich der kritischen Auslegung; nicht jede liturgische Praxis ist automatisch Dogma.“
Hat letzteres denn irgend jemand irgendwann behauptet? Ist das nicht nur ein Strohmann, auf den man billig eindreschen kann, um beifallheischend eigene schwache Ideen zu stützen?

In dieser zugespitzten Form – „jede liturgische Praxis ist automatisch Dogma“ – hat das meines Wissens niemand seriös behauptet. Als direkte Gegenthese wäre es tatsächlich ein Strohmann. Aber Grillos Formulierung richtet sich nicht gegen diese Karikatur, sondern gegen eine **real existierende, stärkere Variante**: die These, Liturgie sei nicht bloß ein *locus theologicus* neben anderen, sondern die primäre, ja konstitutive Bedingung aller Theologie.

Die echte Gegenthese: theologia prima

Die relevante Position stammt vor allem aus der orthodox-amerikanischen Liturgischen Theologie um Schmemann, Kavanagh und Fagerberg. Kavanagh bestreitet ausdrücklich, dass die Liturgie lediglich eine „Autorität“ oder ein *locus theologicus* sei; sie sei vielmehr die „ontologische Bedingung der Theologie“.
Fagerberg formuliert noch deutlicher: Aus dem liturgischen Leben der Kirche leite man „Lehre und Dogma, Frömmigkeit und Ethik“ ab – nicht aus dem eigenen akademischen Kopf. In dieser Schule wird die Feier als *theologia prima*, die nachträgliche Reflexion dagegen als *theologia secunda* verstanden; die Liturgie geht der Lehre nicht nur historisch, sondern epistemisch voraus.
Eine Zusammenfassung dieser Debatte bringt den Punkt auf die knappe Formel: „Nicht die Lehre bestimmt die Liturgie, sondern die Liturgie bestimmt die Lehre.“ Das ist natürlich immer noch keine Behauptung, dass *jede* Praxis Dogma sei; aber es ist deutlich mehr als die vorsichtige These einer Wechselwirkung.

Wogegen Grillo sich abgrenzt

Grillos Satz ist daher als Abgrenzung von dieser stärkeren Position zu lesen: Er will die Liturgie als theologisch gehaltvoll ernst nehmen, ohne sie zu einem autonomen, der kritischen Dogmatik vorgeordneten Norminstanz zu machen. Sein Modell bleibt bei **Vermittlung und Wechselwirkung**: Der Ritus trägt theologische Erkenntnis, aber er wird selbst durch Schrift, Tradition, dogmatische Urteile und historische Kritik ausgelegt und korrigiert.
Das unterscheidet ihn von Kavanagh/Schmemann, für die die Liturgie nicht einfach *eine* Quelle neben anderen ist, sondern der Ort, innerhalb dessen theologische Reflexion überhaupt erst möglich wird. Grillo bewahrt also bewusst einen fundamentaltheologischen Korrekturraum, den die radikalere *theologia-prima*-Position tendenziell schrumpfen lässt.

Ihr Einwand trifft jedoch einen wunden Punkt: Wenn Grillo die Gefahr einer „automatischen Dogmatisierung“ jedes Ritus beschwört, kann das rhetorisch dazu dienen, die eigene Position als moderate Mitte erscheinen zu lassen – zwischen einem angeblichen Liturgiefundamentalismus und einer angeblich herrschsüchtigen Dogmatik. Das ist ein klassisches Argumentationsmuster, aber nicht automatisch ein Beweis für die Stichhaltigkeit der eigenen Konstruktion

Grillo profiliert sich demgegenüber als Vermittler: Liturgie ist für ihn theologisch ergiebig, aber nicht unfehlbar und nicht schlechthin normativ. Ob diese Mittelposition überzeugt, hängt allerdings davon ab, ob er ein hinreichend präzises Kriterium dafür liefert, **welche** rituellen Vollzüge theologisch verbindlich sind – und welche nur historisch erklärbar, reformbedürftig oder einfach fehlbar sind.

Der Bezug auf diese Positionen kann mich nicht überzeugen. Die genannten Autoren Schmeemann usw. kommen aus der Orthodoxie und spielen im Bereich der katholischen Liturgiewissenschaft und Theologie bestenfalls eine Randrolle.

Ihr Einwand ist berechtigt. Kavanagh, Schmemann und Fagerberg sind für die **katholische** Liturgiewissenschaft – und erst recht für Grillos italienischen, postkonziliaren Kontext – keine tragenden Referenzautoren. Meine frühere Erklärung war daher in der Zuspitzung irreführend: Sie erklärte die logische Möglichkeit seiner Abgrenzung, aber nicht seinen tatsächlichen katholischen Diskussionsraum.

Grillos tatsächlicher katholischer Horizont

Grillo argumentiert primär innerhalb der katholischen Liturgiewissenschaft nach dem Zweiten Vatikanum: bei Vagaggini, Salvatore Marsili, Bugnini, der römischen Liturgiereform und der italienischen Schule des Istituto di Liturgia Pastorale in Padua. Seine eigene Dissertation ist ausdrücklich eine fundamentaltheologische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Unmittelbarkeit und Vermittlung, nicht eine Rezeption der amerikanisch-orthodoxen theologia prima. Marsili definiert liturgische Theologie dabei keineswegs so, dass jede rituelle Praxis Dogma wäre. Sie ist für ihn eine Theologie, die von der **sakramentalen Gestalt der Offenbarung** ausgeht: Offenbarung ereignet sich nicht als abstrakte Information, sondern als heilsgeschichtliches Geschehen, das rituell gefeiert und vermittelt wird. Vagaggini betont umgekehrt, dass die Riten nur in begrenzter Weise theologischen Gehalt zeigen und historisch-wissenschaftlich untersucht werden müssen.

Der tatsächliche Gegner

Der realistische Gegner von Grillos Argument ist also nicht die Behauptung „jede Praxis ist Dogma“. Er ist die katholische Gegenposition, wonach die überlieferte Liturgie als besonders verlässlicher, ja weitgehend unveränderlicher Ausdruck des unveränderlichen Glaubens gilt – und dass liturgische Reform deshalb schnell als doctrinale Gefahr verdächtigt wird.[[settimananews](https://www.settimananews.it/ministeri-carismi/la-soluzione-mancata-donna-e-ministero/)] Das ist die Position, die Grillo mit seinem Begriff des „dispositivo di blocco“ angreift: Tradition wird funktional so eingesetzt, dass sie Entwicklung, historische Einsicht und theologische Kritik blockiert. Sein Hauptadressat ist dabei eine bestimmte Rezeption Joseph Ratzingers und die liturgische Restaurationspolitik, insbesondere die Argumentation um *Summorum Pontificum*.[[settimananews](https://www.settimananews.it/ministeri-carismi/la-soluzione-mancata-donna-e-ministero/)]

Bleibt der Strohmann-Vorwurf?

Teilweise ja – aber nicht in dem Sinne, dass Grillos Kontrast völlig leer wäre.
- Als wörtliche Behauptung ist „jede liturgische Praxis ist automatisch Dogma“ ein Strohmann; weder Vagaggini noch Marsili noch die seriöse katholische Liturgiewissenschaft vertreten das.
- Als rhetorische Verkürzung hat der Satz jedoch eine Funktion: Er markiert die Grenze gegen jede Position, die liturgische Formen als unmittelbar normative, quasi unfehlbare Dogmenquelle behandelt.
- Als polemische Zuspitzung kann er freilich auch dazu dienen, die eigene Position als vernünftige Mitte erscheinen zu lassen: weder „Liturgie macht automatisch Dogma“ noch „Dogmatik dominiert die Liturgie“, sondern dialektische Wechselwirkung. Das ist argumentativ bequem, aber noch kein Beweis dafür, dass Grillos Kriterium für verbindliche gegenüber bloß historischen Riten wirklich ausgearbeitet ist.

Korrektur meiner früheren Einordnung

Die präzisere Formulierung lautet: Grillo steht in der katholischen Linie von Vagaggini und Marsili, nicht primär in der von Schmemann und Kavanagh. Von diesen übernimmt er die Einsicht, dass Liturgie theologischen Gehalt hat; von ihnen unterscheidet er sich aber gerade dadurch, dass er sie nicht zur „primären Theologie“ im starken Sinne erhebt, sondern in das dialektische Verhältnis von Glaube, Offenbarung, Ritus und kritischer Reflexion einordnet.

Sein eigentlicher polemischer Nutzen der Formel liegt daher weniger in der Widerlegung einer real vertretenen Maximalthese als in der Abgrenzung gegenüber einer katholischen **Traditions- und Unveränderlichkeitsrhetorik**, die liturgische Kontinuität mit doctrinaler Unfehlbarkeit verschmilzt. Ob man das für eine legitime Zuspitzung oder für einen zu billigen Strohmann hält, hängt davon ab, ob man Ratzingers bzw. der Restaurationsbewegung tatsächliche Argumente so liest.

Kann man das Ergebnis dieses kurzen Diskurses dann vielleicht so zusammenfassung, daß Prof. Grillo seine strake Position weniger bahnbrechenden theologischen Leistungen, sondern inhaltlicher Übereinstimmung mit einer bestimmten kirchenpolitischen Linie verdankt?

Ja – als Arbeitshypothese lässt sich das so fassen, und sie trifft einen wichtigen Teil der Wahrheit. Aber sie sollte nicht so zugespitzt werden, dass Grillos wissenschaftliche Arbeit zu einem bloßen Appendix kirchenpolitischer Nützlichkeit wird. Präziser: Seine herausragende öffentliche Stellung verdankt sich der Konvergenz einer realen, aber nicht revolutionären liturgietheologischen Position mit der kirchenpolitischen Linie von Papst Franziskus, insbesondere der Restriktion der vorkonziliaren Messform durch Traditionis custodes.

Was stimmt

Grillos zentrale Thesen – Liturgie als theologisch gehaltvoller Ort, Betonung der Vermittlung, Kritik an einem restaurativen Traditionsbegriff, Verteidigung der einheitlichen nachkonziliaren *lex orandi* – passen genau zu der Linie, die *Traditionis custodes* kirchenamtlich umsetzte. Er hatte diese Position bereits vor 2021 vertreten; 2020 unterzeichnete er einen offenen Brief mit Forderungen, die im Motu proprio teilweise aufgegriffen wurden.

Deshalb wird er in der öffentlichen Debatte häufig als „Vordenker“, „geistiger Architekt“ oder zumindest als zentraler theologischer Verbündeter von WTraditionis custodes* bezeichnet. Diese Rolle hat seine Sichtbarkeit zweifellos enorm verstärkt: Er wurde vom Fachgelehrten zu einem der meistzitierten liturgiepolitischen Stimmen der Franziskus-Ära

Was die Formel zu kurz greift

„Weniger bahnbrechende theologische Leistungen, sondern inhaltliche Übereinstimmung“ ist aber nur die halbe Wahrheit. Grillo ist kein bloßer politischer Kommentator: Er hat eine kohärente, über Jahrzehnte entwickelte liturgietheologische Position, insbesondere zur Dialektik von Unmittelbarkeit und Vermittlung, zum intellectus ritus und zur Kritik des „Blockademechanismus“. Seine Originalität liegt allerdings eher in der Systematisierung und polemischen Zuspitzung vorhandener postkonziliarer Liturgietheologie als in einer grundlegend neuen These. Vagaggini, Marsili, Guardini, Casel und Chauvet liefern die wesentlichen Bausteine; Grillo verbindet sie mit einer entschiedenen Kritik an der liturgischen Restauration.

Angemessene Formulierung

Am treffendsten wäre wohl: Grillos fachliche Stellung beruht auf einer soliden, aber nicht grundlegend neuen Synthese postkonziliarer Liturgietheologie; seine außergewöhnliche kirchliche und öffentliche Bedeutung verdankt sich wesentlich der Übereinstimmung dieser Synthese mit der liturgiepolitischen Agenda von Papst Franziskus, besonders bei Traditionis custodes.
Ob man daraus den stärkeren Schluss zieht, seine Prominenz sei primär kirchenpolitisch bedingt, hängt davon ab, wie man das Verhältnis von wissenschaftlicher Qualität und institutioneller Nützlichkeit gewichtet. Die Quellen stützen jedenfalls die mildere, aber deutliche These: **Nicht mangelnde Kompetenz, sondern die politische Anschlussfähigkeit seiner bereits vorhandenen Theorie hat ihn in den Mittelpunkt der aktuellen liturgischen Debatte gerückt

Die Verbindung zu Papst Franziskus ist mir zu grundlegend dargestellt. Schließlich war Grillo schon Jahre vor Franziskus die "graue Eminenz" der modernistischen Liturgiewissenschaft.

Das ist eine wichtige Korrektur: Franziskus hat Grillos Stellung nicht geschaffen, sondern eine bereits bestehende fachliche Autorität sichtbar gemacht und kirchenpolitisch verwertbar gemacht. Die Formulierung „graue Eminenz der modernistischen Liturgiewissenschaft“ ist zwar polemisch gefärbt, trifft aber den Sachverhalt, dass Grillo lange vor 2013 innerhalb der italienischen und römischen Liturgiewissenschaft eine feste Position hatte

Grillo vor Franziskus

Seine wichtigsten systematischen Werke – etwa Tempo e preghiera (2001), Introduzione alla teologia liturgica (2011) und die sakramententheologischen Arbeiten – erschienen sämtlich vor dem Pontifikat Franziskus’ bzw. unabhängig von dessen liturgiepolitischen Entscheidungen. Damit war er kein erst durch Traditionis custodes hervorgebrachter Polemiker, sondern ein bereits etablierter Theologe mit einem eigenen Forschungsprogramm

Was „graue Eminenz“ hier bedeutet

Der Ausdruck ist insofern treffend, als Grillo weniger durch ein einzelnes spektakuläres Werk als durch langjährige Netzwerk-, Lehr- und Editionstätigkeit wirkte: Sant’Anselmo, Padua, das Istituto di Liturgia Pastorale, Herausgeberschaften und die italienische liturgiewissenschaftliche Publikationslandschaft. Er steht damit in der institutionellen Kontinuität von Marsili und Vagaggini, deren Paduaner Schule die Liturgie seit den 1960er/70er Jahren als locus theologicus und als eigenständige theologische Disziplin etablierte.
Seine Stärke ist daher weniger die „Bahnbrechung“ einer einzelnen neuen Lehre als die kohärente Weiterführung und Zuspitzung dieser Tradition: Liturgie als rituelle Vermittlung des Heils, Sakramente als officium und rituelle Praxis, Kritik an einer bloß bewahrenden Traditionsauffassung.

Franziskus war somit nicht die Ursache, sondern der Verstärker und Förderer seiner öffentlichen Bedeutung. Umgekehrt war Grillo nicht bloß ein nachträglich bereitgestellter Legitimationstheoretiker: Seine Argumente standen bereits bereit und passten so gut, dass sie für die kirchenamtliche Begründung der Restriction der *Vetus Ordo* anschlussfähig wurden.

Bleibende Einschränkung

Ob man ihn als „graue Eminenz der modernistischen Liturgiewissenschaft“ nennt, hängt vom Werturteil ab. Sachlich zutreffend ist: Er war vor Franziskus eine zentrale Figur einer bestimmten, reformorientierten Strömung; er war aber nicht der unumstrittene Repräsentant der gesamten katholischen Liturgiewissenschaft. Seine Position war und ist innerhalb des Fachs umstritten, besonders angesichts seiner scharfen Kritik an der liturgischen Restauration und seiner engen Verbindung mit der Politik von Traditionis custodes.

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Soweit der Dialog Mensch – Maschine. Noch eine letzte Anmerkung unsererseits: Was Perplexity hier nach einer gesamten „Denkzeit“ von immerhin 20 Sekunden im Verlauf eines über 2-stündigen Dialogs bietet, ist natürlich kein abschließendes Ergebnis. Aber es bietet zahlreiche (durch qualitativ mehr oder weniger hochwertige) Verlinkungen gestützte Anregungen zum Weiterdenken – und mehr sollte man von einer Maschine nicht erwarten.

Wir jedenfalls sehen uns in unserer Einschätzung bestätigt, daß Grillo weder ein schöpferischer Geist noch ein begnadeter Integrator theologischer Ergebnsse von Vor-Denkern ist, sondern ein Konjunkturritter des akademischen Betriebs, der den Positionen einer stets umstrittenen und am Rande der katholischen Lehre operierenden Reformfraktion einen gefälligen Ausdruck verlieh, um ihn für ein ebenso umstrittenen und am Rande der katholischen Lehre operierenden „Lehramts“ für weitergehende Revcolutionen nutzbar zu machen.

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