Summorum Pontificum.de

Die allegorische Meßerklärung des Amalar von Metz - I

21. Oktober 2026

3 - Trdition und Kultur

Die Buchmalerei aus dem 11. Jh. zeigt in der oberen Hälfte den Papst gemeinsam mit Christus(?) auf einem Thron sitzend und in der weiteghend leeren unteren Hälfte eine Mönchsgestalt, die dem Papst das Werk des Malar überreicht.

Das Werk des Amalar wird dem Papst überreicht

Zurück zum angekündigten Thema der allegorischen Meßerklärungen. Zunächst zum Begriff der Allegorie und der Allegorese – das ist die Methode, die Allegorien verwendet – selbst. Allegorien sind keine wissenschaftlichen Erklärungen, sondern Versuche, bestimmte Eigenschaften von und Wahrheiten über komplizierte Gegenstände dadurch leichter verständlich zu machen, daß sie diese Eigenschaften in sprachlichen oder auch künstlerischen Bildern vor Augen führen. Schon das Wort Allegorie (etwa: auf andere Weise aussprechen) signalisiert dabei, daß die Allegorie einerseits durchaus zutreffender Ausdruck einer Wahrheit sein soll, andererseits aber nicht den Anspruch erhebt, diese Wahrheit selbst voll und umfassend zu repräsentieren oder gar im existentiellen Sinne zu sein. Von daher sind Allegorien mehr als bloße „Verständnishilfen“ oder „Symbole“ – aber sie sind auch keine mathematischen Formeln oder Blaupausen und Diagramme, die bestimmte Tatsachen oder Vorgänge umfassend beschreiben. Sie sind in unserem (zumindest nach eigenem Selbstverständnis) hyper-wissenschaftlichen Zeitalter, das letztlich nur als Realität anerkennt, was es mit solchen Formeln beschreiben kann, einigermaßen in Verruf geraten. Das gilt auch und gerade für eine Theologie, die in ihrem Bestreben, mit modernen Wissenschaften gleichzuziehen, sich diesem fehlgeleiteten Realitätsverständnis immer mehr anzugleichen sucht.

Allegorien sind weitaus älter als das Christentum. Die Götterhimmel vorchristlicher Kulturen lassen sich auch als Sammlungen von Allegorien lesen; das Alte Testament bedient sich allegorischer Bilder, wenn es das den Bund mit Jahweh vergessende Israel als „Ehebrecherin“ bezeichnet (Ezechiel 16) oder im Buch der Sprüche die göttliche Weisheit (in sich selbst eine Vorahnung des Heiligen Geistes) als lebensspendende „Sophia“ mit weiblichen Zügen zeichnet. Generell war das Judentum jedoch im Gebrauch von Allegorien eher zurückhaltend – es verstand Allegorien wohl zu Recht als eine Art von Bildern, die unter das „du sollst Dir kein Bildnis machen“ fielen.

Das Christentum hat diese Zurückhaltung nie geteilt. Die Reden und Gleichnisse Jesu sind voll mit allegorischen Bildern, und Paulus und seine Schule haben diesen Sprachgebrauch und diese Lehrweise aufgegriffen und ausgebaut – vor allem um Geschehnisse des alten Testaments als Vorbilder und Vorgestalten der vollendeten Offenbarung in Christus darzustellen. Die Kirchenväter sind diesem Beispiel seit den frühesten Zeiten (Clemens von Alexandrien. Origenes, Tertullian…) gefolgt. Dabei sind sie möglicherweise manchmal insoweit über das Ziel hinausgeschossen, als sie vielen Ereignissen eine göttliche Zielsetzung alleine oder überwiegend im Hinblick auf die spätere Offenbarung unterstellten – etwa in dem Sinne: „Der Herr ließ für die Juden Manna vom Himmel regnen, um uns eine Vorgestalt der Eucharistie zu geben“. Das ist sicherlich eine vereinseitigende und dem göttlichen Handeln menschliche Perspektiven unterstellende Lesart – ändert aber nichts daran, daß der Herr dem Volk des neuen Bundes eine ebenso wunderbare geistliche Nahrung schenkt, wie er den hungernden Wanderern in der Wüste durch ein Wunder Nahrung für den Körper zukommen ließ.

Die allegorische Methode bietet also kein Passepartout zu Entschlüsselung aller Geheimnisse der Offenbarungsgeschichte – aber wertvolle Hilfe zur Einordnung und zum besseren Verständnis, und eben auch dazu, daß diese Geschichte von Anfang (buchstäblich von den Stammeltern im Paradiese an) nicht alleine auf das Gesetz Moses und der Propheten gerichtet war, sondern darüber hinaus auch auf deren Erfüllung in Christus. Die Kirchenväter und Lehrer der frühen Zeit waren mit ihrem mehr auf das Ganze und seinen Zusammenhang gerichteten und weniger analytischen Blick auf die Heilsgeschichte wohl eher im imstande, mit Allegorien, Symbolen und Gleichnissen produktiv umzugehen, als die Moderne. Und das gilt insbesondere für die Kirchenväter der alexandrinischen Tradition, deren Erbe in der Orthodoxie des Ostens stärker fortlebt als bei den Lateinern des Westens.

Womit wir dann endlich zu Amalar von Metz (*775 - †850) kommen können, der zwar nicht als erster im lateinischen Westen Allegorien einsetzte, um ein besseres Verständnis vom Wesen einzelner Sakramente zu vermitteln, aber soweit wir sehen der erste, der daraus eine systematische Erklärung der Meßliturgie (und später auch des Offiziums und anderer damit zusammenhängender Gegenstände) entwickelte.

Der Leitgedanke Amalars bestand darin, die Messe – wie das auch zuvor schon und seitdem immer üblich war – als Komposition aus zwei Teilen zu verstehen: Dem Wortgottesdienst oder der Vormesse, und dem eigentlichen Opfergottesdienst mit dem Zentralelement des Kanons, den er bereits bis in Einzelheiten des Wortlauts hinein in der Form kannte, die dann weit über ein Jahrtausend lang als Canon Romanus für die römische Kirche verbindlich war. Den ersten Teil, die Vormesse beschrieb er in Blick auf die zur vorchristlichen Offenbarungs- und Heilsgeschichte sowie die Zeit, da Christus seine frohe Botschaft verkündete. Die eigentliche Opfermesse galt ihm als Versinnbildlichung der Leidensgeschichte des Erlösers und seiner Auferstehung.

Die entsprechenden Ausführungen Amalars bilden den Einleitungsteil seines Codex Expositionis (Missae expositionis geminus codex), der im ersten Band seiner 1958 erschienenen Gesamtausgabe „Amalari Episcopi Opera Liturgica Omnia“ von Jean Michel Hanssens S.J. (1885-1976) ab S. 255 erschienen ist.

Wir bringen daraus in geraffter Form zunächst den Einleitungsteil mit dem Überblick – die Gliederung, die Amalar seinem Werk gab, entspricht fast modernen Anforderungen. Dabei ist aus heutiger Perspektive zweierlei zu beachten: Zum einen entspricht der Ritus nicht in allen Einzelheiten dem Heutigen – offenbar gab es zu Amalars Zeit oder in seinem Umkreis noch keine „Hostien“, sondern ein Brot wurde als ganzes konsekriert und nachträglich gebrochen – wie es die Orthodoxen ja heute noch praktizieren. Zum zweiten betrachtet Amalar die Messliturgie nicht als Einzel-Aktivität einer Gemeinde oder eines Priesters, sondern als Bestandteil des ganzen Offiziums der Mönche oder Kanoniker einer Stiftskirche oder Bischofskirche. Sie beginnt daher ohne besondere Vorgebete mit dem Introitus, der damals wie heute generell aus Psalmversen genommen wurde und wird.

(1.) Der Einzug blickt auf den Chor der Propheten, und wir beziehen uns hier zu Recht auf Augustinus, der gesagt hat „Moses war sowohl ein Diener des Alten Testamentes als ein Prophet des Gottesdienstes im Neuen Testament.“ Das Kyrie Eleison blickt auf jene Propheten, die die Ankunft des Herrn voraussagten, darunter auch Zacharias und Johannes.
(2.) Das Gloria in Excelsis Deo blickt auf den Chor der Engel, die den Hirten auf dem Felde die Freude der Geburt des Herrn verkündeten. Die erste Kollekte bezieht sich darauf, daß der Herr etwa im 12 Jahr seines Lebens nach Jerusalem hinaufzog, sich im Tempel unter die Gelehrten setzte, ihnen zuhörte und ihnen Fragen stellte.
(3.) Die Epistel blickt auf die Predigt des Johannes. Das Responsorium preist die Gnade der Apostel, die vom Herrn in Seinen Dienst berufen wurden. Das Halleluja gilt der Freude, die sie empfanden, als sie Seine Verheißungen empfingen und Seine Wunder sahen. Das Evangelium blickt auf die Verkündigung der frohen Botschaft bis zu der ihm vorbestimmten Zeit (des Leidens).
(4.) Was danach im Meßgebet folgt, bezieht sich auf die Zeit vom Palmsonntag mit dem Einzug in Jerusalem bis zu seiner Himmelfahrt oder Pfingsten. Das stille Gebet des Priesters (der Kanon) bis zum „Nobis quoque peccatoribus“ bezieht sich auf die Gebete Jesu auf dem Ölberg. Und das, was danach folgt, blickt auf die Zeit, in der er im Grabe ruhte.
(5.) Wenn ein Stück vom Brot in den Wein zurückgegeben wird, verweist das auf die Rückkehr der Seele in den Leib des Herrn. Was danach gefeiert wird, blickt auf die Grüße, die der auferstandene Christus seinen Jüngern entbot. Und das Brechen des Brotes verweist darauf, wie der Herr den beiden Jüngern in Emmaus des Brot gebrochen hat.

Soweit also die Übersicht, die Amalar den Lesern seines Werkes bietet. Es folgen auf immerhin neun Druckseiten zehn weitere Kapitel, die das, was oben im Überblick angedeutet wird, und auch vieles von dem, was dort keine Erwähnung findet, im Einzelnen ausführen. Wir werden das in weiteren Beiträgen entsprechend unseren Fortschritten bei Übersetzung und Interpretation dieser Abschnitte hier präsentieren, um schließlich ein möglichst vollständiges Bild der von Amalar gebotenen Meßerklärung zu vermitteln.

*