In der Diözese Birmingham sollen im
kommenden Jahr zwei Messen nach dem Usus von Sarum (Salisbury)
stattfinden können
22. Oktober 2026
Gabenprozession nach den Lesungen
Mitte dieses Monats kam aus England die im Prinzip erfreuliche Nachricht, daß Bischof Longley von Birmingham auf Anfrage eines Laien in der Diözese die Erlaubnis gegeben hat, an noch näher zu bestimmenden Terminen im kommenden Jahr zwei heilige Messen im Usus Sarum zu zelebrieren. Im Prinzip erfreulich, weil das darauf hindeutet, daß Bischof Longley zumindest nicht die nachgerade panische Angst vor allem Traditionellen hat, die viele seiner Amtsbrüder nicht nur in England auszeichnet.
Bedenklich an der Sache ist, daß der durch die Kirchenspaltung Heinrichs VIII. und anschließende „Reformation“ vor einem halben Jahrtausend ausgelöschte Usus Sarum weder für Anglikaner noch für Katholiken zur lebendigen Tradition gehört. Zwar wurden hl Messen nach dem Usus Sarum in England in den letzten Jahrzehnten bereits mehrfach zelebriert – teils auf Initiative von Trägervereinen, in ein oder zwei Fällen wohl auch aus der Petrusbruderschaft. Dazu kommt eine größere Zahl von „re-enactments“ durch Geschichtsvereine oder auch anglikanische Liturgie-Interessierte. Sie alle haben einen mehr oder weniger stark ausgeprägten „musealen“ Charakter und passen dadurch ziemlich genau an die Stelle, die auch die nachkonziliare und synodale Kirche einem alten Ritus zugestehen kann – wenn er denn nur nicht zur Gewohnheit wird.
Bei einem Teil der englischen „re-enactments“ muß es im Übrigen durchaus zweifelhaft sein, ob da tatsächlich das Messopfer dargebracht wurde. Das gilt auch für das eindrucksvolle Video einer solchen Veranstaltung in der anglikanischen Kathedrale von Salisbury 2011, das auf Youtube zu sehen ist.
Ein anderes Problem geht noch tiefer. Der Usus Sarum ist, man kann es nicht oft genug betonen, kein eigener Ritus, wie die Rede vom „Sarum Rite“ nahelegt. Er ist einer der zahllosen lokalen Usus, die das europäische Hochmittelalter hervorgebracht hat, und die untereinander sämtlich im Gebrauch des Canon Romanus übereinstimmten. Hier und da mag es einer Ordensgemeinschaft oder einem Kathedralkapitel gelungen sein, den Ordensgründer oder mehr oder weniger sagenumwobenen ersten Bischof in eine der Heiligenlisten des Kanons einzubringen – das war aber schon alles. Auch das Lektionar war im großen Ganzen überall das gleiche – von einigen Besonderheiten des Festkalenders abgesehen.
Größere Abweichungen gab es dann in der Gestaltung des Ablaufs. Die Gabenbereitung konnte auch am Beginn der Messe oder sogar vor deren Anfang stattfinden, dementsprechend variierten die Offertoriumsgebete. Ebenfalls recht deutlich waren die Unterschiede in der Singweise der Gregorianik oder bei den für die einzelnen Feste und Jahreszeiten vorgegebenen liturgisch Farben. Der Usus Sarum z.B. sah für die Fastenzeit eine Farbe vor, die heute regelmäßig als „weiß“ bezeichnet wird – und bei der man sich fragen kann, ob man nicht besser „ungefärbt“ lesen sollte, so wioe am Altar in dieser Zeit auch ungebleichte Kerzen eingesetzt werden.
Bei alledem hebt sich der Usus Sarum zunächst in keiner Weise aus der Vielfalt der übrigen lokalen und kommunitären Usus der Zeit heraus. Der vielleicht bemerkenswerteste Unterschied lag auf einer anderen Ebene. Salisbury gehörte (mit einigem Abstand zum Spitzenreiter Lincoln) zu den vier reichsten Diözesen Englands und hatte bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts Einkünfte für den Unterhalt eines Kapitels von über 50 Chorherren – neben all den anderen Einkünften und dem Einkommen des Bischofs, versteht sich. Das heißt, es gab sowohl genug Priester, die an einer würdigen (und aufwendigen) Gestaltung der Liturgie interessiert waren, und genug Mittel, um diesem Interesse entgegen zu kommen. An der Domschule gab es stets genug junge Männer oft aus gutem Hause, die eine kompetente und einsatzfreudige Schola stellen konnten, es gab klerikales und weltliches Dienstpersonal für alle denkbaren Aufgaben – und es gab unbegrenzt viel Zeit für die Feier einer Liturgie, die heute vielleicht als pompös erscheinen mag, im Mittelalter aber durchaus als authentischer Ausdruck von Frömmigkeit gelten kann, zumindest für einen Großteil der Beteiligten. Wo es bei dem Einen oder Anderen daran gefehlt haben sollte, taten Eitelkeit und Ruhmsucht das ihrige, um zur Teilnahme an glanzvollen und aufwendigen Liturgien zu motivieren.
An den höchsten Feiertagen umfaßte das „casting“ für das Pontifikalamt neben dem Bischof als Zelebranten sieben Diakone und ebenso viele Subdiakone – beide Positionen in der Regel von würdigen Domherren besetzt. Dazu mindestens zwei Thurifere, drei Kreuzträger für die diversen Prozessionen, eine unbestimmte Zahl von Akolythen und Ceroferariern sowie Fackelträgern, teils aus „Seminaristen“ mit einer der niederen Weihestufen, teils auch aus ungeweihten Jungen aus der Domschule. Dazu dann noch die mehr oder weniger umfangreich besetzte Schola – wie der Name sagt, ebenfalls aus der Domschule. Das bedeutet also 15 „Vollkleriker“ vielleicht noch einmal 10 Inhaber niederer Weihen und ungezählte Altardiener und Sänger. Und sie alle wurden auch gebraucht, um dem mit vielerlei Prozessionen, Inzensierungen und Segnungen angereicherten Usus seinen vollen Glanz zu verleihen.
Solcher Aufwand war natürlich nur an der Kathedrale selbst zu machen. In kleineren Orten mußte man sich mit dem behelfen, was da war – oft wenig genug. Auf dem platten Land gab es nichts, was einer heutigen Pfarrei samt Pfarrkirche auch nur von Ferne ähnlich sah – das waren spätere Erfindungen. Landleute besuchten die Messe – wenn es ihnen überhaupt möglich war – nur an hohen Feiertagen, wenn sie Glück hatten in einer „Privatkirche“ des Grundherrn, oder in einem der vielen im Lande verstreuten Klöster, oder auch in der nächsten Stadt. Überall dort dürften sie nur eine „Schlichtversion“ des prächtigen Sarum Usus vorgefunden haben, und so wie die Dinge heute liegen, werden wir auch bei den in der Diözese Birmingham geplanten Zelebrationen solche Versionen erleben. Selbst die als Video verlinkte anglikanische Zelebration in Salisbury 2011 bleibt beim Personal weit hinter den hochmittelalterlichen Vorgaben zurück.
Das festzustellen bedeutet in keiner Weise, den Wert und die Würde solcher Zelebrationen zu vermindern. Jede im rechten Geist und der erforderlichen Intention zelebrierte Messe hat vor dem Angesicht Gottes den gleichen unendlichen Wert. Solche historischen Zelebrationen können auch einen wichtigen Hinweis darauf geben, daß die Kirche in der Liturgie nie diesem Uniformierungs- und Einheitswahn gefolgt ist, den Liturgie-Verwalter wie Präfekt Roche den Gläubigen aufzwingen wollen. Und sie lassen auch zumindest ahnen, was die Kirche und die Gläubigen durch die in der Liturgiereform durchgesetzte Fehlkonzeption von Gottesdienst verloren haben: die Ahnung, daß es über dem geschäftigen Alltag und über dem wärmenden Gefühl gemeindlichen Zusammenseins eine höhere Ebene der Transzendenz gibt, der man sich nur in ehrfürchtigem Staunen zuwenden kann. Die Teilnahme an einem feierlichen Gottesdienst in der Kathedrale von Salisbury bot den Zeitgenossen kein Spektakel, sondern war Einbeziehung in ein spectaculum divinum und konnte so vielleicht mehr dazu beitragen, die Herzen der Teilnehmer zu Gott zu erheben, als die Amtswalter den „neuen Sachlichkeit“ in der Liturgie je begreifen können.
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