Das Presseamt des Vatikans teilt mit:
Der Heilige Vater macht Briefwahl!
03. November 2026
In hoc signo vinces?
Morgen, am 4. November, finden in den USA die Wahlen zu den sogenannten Midterms statt, bei denen ein Teil der Kongressabgeordneten bestätigt oder neu gewählt wird. Nichts Weltbewegendes, auch nichts was die Regierung stürzen könnte – ihr aber doch beträchtliche Ungelegenheiten bereiten kann. Ende letzter Woche, am 30. 10., teilte das Presseamt des Vatikans der Welt mit, daß der US-Bürger Robert Prevost aus Chicago, derzeit wohnhaft in Rom, Vatikanstadt, sein Wahlrecht als US-Amerikanischer Staatsbürger ausgeübt und seine Briefwahlunterlagen nach Chicago geschickt hat.
Wogegen im Prinzip nichts einzuwenden ist. Unser Einwand gilt in erster Linie dem Umstand, daß diese Stimmabgabe des Bürgers Prevost durch die Veröffentlichung vom Presseamt des Vatikans, dessen souveränes Staatsoberhaupt besagter US-Bürger durch seine Wahl zum Bischof von Rom und Nachfolger des heiligen Petrus geworden ist, nicht Grenzen verwischt oder gar überschreitet, deren Beachtung dem Oberhaupt der weltweiten, d.h. katholischen, Kirche wohl zu Gesicht stehen würde.
Seine Vorgänger haben diese Grenze jedenfalls stets beachtet – zumindest seit die Päpste sich nicht mehr als Staatsoberhäupter eigener Machtvollkommenheit nicht mit dem Stimmzettel, sondern mit eigenem Militär in die Angelegenheiten anderer Staaten einmischten. Oder eingemischt wurden: Nachdem das Savoyische Königreich Italien 1871 den Kirchenstaat erobert hatte, verbot 1874 Papst Pius IX, selbst nie „italienischer“ Staatsbürger, den im „Aggressorstaat Italien“ lebenden Katholiken die Teilnahme an den dort veranstalteten Wahlen. Dieses Verbot, wurde nach dem Ende des I. Weltkrieges aufgehoben, was aber nie dazu führte, daß die bis 1978 (Wahl von Karol Wojtyla) stets aus Italien stammenden Päpste auch nur daran gedacht hätten, ein Wahlrecht in Italien anzustreben. So hielten es auch die dem Polen folgenden beiden weiteren „Ausländer“ auf dem Stuhl Petri. Papst Benedikt ließ dahingehenden Anfragen nach seiner Wahl durch seinen Bruder Georg eine öffentliche Absage erteilen: "Er ist der Souverän des Vatikanstaats und hält es nicht für richtig, sich in die Angelegenheiten eines anderen Staates einzumischen", ließ er sich zitieren. "Das haben wir so besprochen.“ Papst Franziskus scheint das trotz aller Unterschiede zu seinem Vorgänger ähnlich gesehen zu haben: Er habe schon seit langem aufgehört, an politischen Wahlen teilzunehmen, „weil er sich ein bißchen wie ein Vater von allen gefühlt habe“ (ebenda).
Leo XIV. will darin seinem geliebten Vorgänger offenbar nicht folgen. Er hat sich, nachdem er durch sein Wahl zum Papst vatikanischen Staatsbürger geworden war, auch seine peruanischen und us-amerikanischen Personalpapiere erneuen lassen und läßt nun also die Welt wissen, daß er sich an der aktuellen Wahl in den USA durch Stimmabgabe beteiligt. Inwieweit das für den Inhaber einer Position angemessen ist, die vielen als Stellvertreterschaft Christi auf Erden gilt, erscheint uns zumindest zweifelhaft: Werden, wenn nicht durch die Wahlteilnahme an sich, so doch durch deren öffentliche Bekanntmachung, zwei Sphären vermischt, die besser getrennt blieben – oder will Leo gar durch seine Wahlteilnahme betonen, daß er sich weiterhin als „subject“ (Staatsbürger/Untertan) der USA mit allen daraus hervorgehenden Rechten und Pflichten sieht? Wie gut, daß er sich in seinem Alter nicht fürs US-Militär registrieren lassen muß.
Unziemlicher Spott beiseite: Diese Vermischung deutet in unseren Augen darüber hinaus auf eine Profanierung der päpstlichen Person und des von ihr repräsentierten Amtes, die zwar gewissen Tendenzen des höheren Klerus zur Betonung von „Menschen wie Du und ich“ entgegen kommen mag, aber doch im Konflikt mit der Rolle des Vicarius Christ als Inhaber des höchsten Lehramtes und privilegierten Verkünders göttlicher Wahrheit zu stehen scheint.
Soviel zur Ebene der besonderen Anforderungen an Träger und Erscheinungsbild des Papstamtes.
Ein Blick auf die darunter liegende Ebene der staats- und kirchenpolitischen Klugheit kann die angsprochenen Bedenken nur verstärken. Papst Leo hat in den vergangenen Monaten wenig Zweifel daran gelassen, daß seine politischen Sympathien mehr bei der „demokratischen“ Opposition als bei der „republikanischen“ Regierung liegen. Bei einem großen Teil des amerikanischen Kirchenvolks sieht das eher umgekehrt aus; die Polarisierung im Land nimmt zu. Nun hat uns das Presseamt erfreulicherweise nicht mitgeteilt, für wen der Papst seine Stimme abgegeben hat – aber dessen würde es in der aufgeheizten Stimmung auch gar nicht bedürfen, um die Polarisierung weiter anzuheizen.
Noch zwiespältiger wird das Bild im in Blick auf die Außen- und Weltpolitik. Papst Leo läßt sich, ebenso wie seine Vorgänger, an Zahl und Intensität von Aufrufen zum Frieden von Niemandem übertreffen. Die USA stehen demgegenüber nicht im Ruf, eine besonders pazifistische Außenpolitik zu betreiben – wir ersparen uns hier einen näheren Blick auf die an Militäraktionen, erster und bisher einziger Einsatz von Atomwaffen eingeschlossen, so reiche Geschichte des Landes und beschränken uns auf die Vermutung, daß selbst innerhalb der katholischen Welt das demonstrative Herzeigen des US-Passes nicht überall ungeteilte Freude auslöst. Ähnliches gilt übrigens auch für die nach der offiziellen kirchlichen Linie so betont priorisierte Ökumene: In vielen Ländern der Orthodoxie ist das Verhältnis zu den USA und deren allgegenwärtigen Militärstützpunkten ziemlich angespannt; und von den moslemischen Ländern, in denen das Verbrennen von US-Flaggen oder -Pässen zum beliebten Nationalsport geworden ist, wollen wir gar nicht erst reden.
Immerhin können wir unseren kritischen Blick auf die öffentlich gemachte Wahlteilnahme von Papst Leo mit zwei Versen aus dem Reichtum der abrahamitischen Tradition beschließen, aus Psalm 44 (45), wo der Sänger des Loblieds auf den Königssohn und seine aus der Fremde gekommene Braut beiden den guten Rat gibt: „Höre, Tochter, sieh und neige dein Ohr; vergiß deines Volkes und Vaterhauses ( . . . ) An deiner Väter Statt werden deine Söhne sein; die wirst du zu Fürsten setzen in aller Welt.“ Die Päpste seit Beginn der Neuzeit haben sich daran gehalten und sind nicht schlecht damit gefahren. Einige Ihre Vorgänger, die diese Verse gründlich mißverstanden haben, gelten heute als einige der finstersten Gestalten, die je den Stuhl Petri besetzt haben.
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