Zum Ende der Ferienzeit in Castell Gandolfo und anderswo
01. September 2025
Bildeindrücke aus den Gärten von Castell Gandolfo.
Wie versprochen, können wir uns pünktlich zum Beginn des Septembers wieder aus der Sommerpause zurückmelden. In Deutschland sind in den meisten Bundesländern unsere Leser wieder mit frischen Kräften aus den Ferien zurück, und in Rom nimmt die Kurie nach dem oft unerträglich heißen August wieder ihre Alltagsarbeit auf. Wirklich viel Amtliches hat sich dort in den vergangenen Wochen nicht getan – das meiste war die Abwicklung von Programmpunkten, Terminen und leider auch Bischofsernennungen, die wohl großenteils noch unter dem vorhergehenden Pontifikat eingeleitet und beschlossen worden waren. „Harte“ Informationen darüber, wie Leo das unter Franziskus heftig ins Schlingern gerate Schiff Petri wieder in ruhigere Gewässer steuern will, waren nicht darunter.
Umso heftiger war die Flut der Vermutungen, Gerüchte und Fake-News, die unter Berufung auf „römische Quellen“ in den letzten Wochen die Nachrichtenkanäle des Internets und anderer Medien überschwemmte. Alle wollen wissen, wie es im Pontifikat von Papst Leo, der Mitte August seine ersten „Hundert-Tage“ hinter sich gebracht hat, weitergeht. Und da es auch unter den hauptberuflich Vatikanbeobachter nur wenige gibt, die darüber wirklich etwas zu sagen haben, wurden solche mehr oder weniger plausiblen Meldungen und Spekulationen begierig aufgenommen.
Dabei kam es zu einer erstaunlichen Übereinstimmung zwischen den am meisten auf Angleichung an die „Moderne Welt“ orientierten Kräften, die in Franziskus den Erben und Vollender der progressistischen Interpretation des II. Vatikanischen Konzils sehen wollen, und deren Antipoden vom radikal-konservativen Flügel, die das Konzil des vergangenen Jahrhunderts für die Quelle aller Übel in der gegenwärtigen Kirche halten: Die einen bemühten sich nach Kräften, Papst Leo als Testamentsvollstrecker von Franziskus zu vereinnahmen und auf genau diese Funktion festzulegen – die anderen (als Beispiele sei hier auf die amerikanischen Autoren Anthony Stine oder Chris Jackson verwiesen) halten diese Übereinstimmung bereits für so gut wie sicher, betrachten Leo XIV als Franziskus II und beginnen bereit wieder darüber nachzudenken, ob und ab welchem Punkt ein vermeintlicher „Papa haereticus“ sein Amt verliert. Die Versuchung des Sedisvakantismus hat weiterhin starke Anziehungskraft.
Die Repräsentanten der Kontinuitätspropaganda, die in Franziskus den Fleisch gewordenen Konzilsgeist sehen und Papst Leo als dessen Reinkarnation vereinnahmen wollen, haben nach wie vor starke Positionen in der Kurie, die sie dazu nutzen, Leo auf ihre Linie festzulegen. Prominenteste Vertreter sind der vorläufig im Amt bestätigte Glaubenslehre-Präfekt Fernandez, der ebenfalls bis auf weiteres kommissarisch amtierende Synoden-Generalsekretär Grech und der derzeit kein hohes Kurienamt ausübende Kardinal Hollerich S.J., vorher „Generalrelator“ der römischen Synode. Am meisten hervorgetan unter diesen hat sich bisher Grech, der in Abarbeitung eines noch von Franziskus erteilten Auftrags ein Dokument zur linientreuen Weiterführung der Weltsynode vorgelegt hat, das das Potential hat, als Gründungsdokument einer neu-synodalischen Kirche zu fungieren. Die Herren Fernandez und Hollerich, die über keinen entsprechenden Auftrag von Franziskus verfügten, mußten sich bislang damit bescheiden, in Reden und Zeitschriftenartikeln ihren bisherigen Kurs zu verteidigen und als „unumkehrbare Errungenschaft“ des Pontifikats von Franziskus darzustellen.
Vertreter der Gegenposition, der allerdings innerhalb von Kurie und Episkopat nur schwach vertreten ist, sind mit Abstufungen und Differenzierungen vielleicht Tomasz Peta (Kasachstan), Jan Pawel Lenga (Kasachstan, emeritiert) und Luigi Negri (Italien, emeritiert). Bekanntester Repräsentant dieser Richtung, der freilich seit einem Jahr exkommuniziert ist und daher in Rom höchstens sehr indirekten Einfluß ausübt, ist Erzbischof Vigano, für den eine weitgehende Übereinstimmung von Franziskus und Leo nicht nur eine Befürchtung darstellt, sondern als erwiesene Tatsache zu gelten scheint.
Papst Leo selbst legt sich vorerst nicht fest. Er macht Ferientage in Castell Gandolfo – was sein Vorgänger Franziskus strikt abgelehnt hatte – aber bestätigt die von diesem angeordnete Umwidmung des Komplexes zum umweltpolitischen Studienzentrum „Laudato si’“.
Die meisten Anhänger der Tradition lehnen die Gleichsetzung Prevost=Bergoglio ab, sind jedoch nach dem Abklingen der Freude über die Mozetta des Neugewählten auf der Loggia des Petersdoms zumindest teilweise dazu geneigt, eine dahingehende Gefahr als denkbare Möglichkeit zu diskutieren. Tatsächlich greift die Befürchtung, der von Bergoglio installierte Machtapparat werde alle Hebel in Bewegung setzen, um Papst Leo ein Abweichen vom Kurs des Vorgängers unmöglich zu machen, weit über den Kreis der (liturgischen) Traditionalisten hinaus und ängstigt auch viele konservative Laien, Priester und Bischöfe, die „im großen Ganzen“ an der überlieferten Lehre festhalten wollen: Die von Franziskus und seinem Umfeld immer wieder geäußerte Absicht, die Kirche auf unwiderrufliche Weise zu verändern, hat tiefgehende Verunsicherung ausgelöst.
Das scheint auch auf Papst Leo selbst zuzutreffen, der sich bisher bei den von beiden Seiten erwarteten Entscheidung insbesondere in Personalfragen sehr zurückhält und eher auf vieldeutige Gesten und unverbindliche Andeutungen in seinen Reden zurückgreift. Zwölf Jahre Bergoglio haben nicht nur das Vertrauen in die Institution des Papsttums, sondern auch das Selbstvertrauen ihres Inhabers insgesamt erschüttert.
Paradoxerweise liefert gerade dieser unerfreuliche Umstand eines der Hauptargumente dafür, sich nicht von Ungeduld übermannen zu lasen, weil Papst Leo es in den ersten hundert Tagen noch nicht geschafft hat, das von der apostolischen Tradition und Lehre abirrende Schiff Petri wieder auf Kurs zu bringen. Vielen gutwilligen Katholiken wird erst jetzt wenigstens in Ansätzen erkennbar, wie weit diese Abweichungen wirklich gegangen sind – und es ist auch nicht ausgemacht, daß Robert Prevost selbst am Tage seiner Wahl wirklich ein klares Bild davon hatte, was für ein Erbe ihm da zugefallen ist. Zumal er selbst ja bisher traditionalistischer Neigungen unverdächtig war und anscheinend auch ein persönlich gutes Verhältnis zu Jorge Bergoglio hatte. (Die von interessierter Seite lancierten Berichte von einer „engen persönlichen Freundschaft“ gehören wohl eher ins Arsenal der Kontinuitätspropaganda.)
Nach allem, was wir von Robert Prevost wissen, ist er ein harter Arbeiter, der als Bischof einer kleinen Missionsdiözese in Peru und dann als langjähriger Oberer des mittelgroßen (um die 3000 Angehörige) Augustinerordens seinen Aufgabenbereich einigrmaßen in Schuss gehalten hat, aber kirchenpolitisch und in globaler Perspektive wenig hervorgetreten ist.
Warum nur „einigermaßen in Schuss“? Nun, die größte Niederlassung der Augustiner in Deutschland, das Kloster in Würzburg, hat einen denkbar schlechten Ruf als Vorposten des Modernismus in der rebellischen Tradition des Augustiners Luther – aber andererseits spielt Deutschland mit unter hundert Ordensmitgliedern auf der Weltkarte der Augustiner nur eine bescheidene Rolle, so daß der Generalobere vielleicht seine Gründe dafür hatte, den seit 500 Jahren in der Reformschleife gefangenen Teutonen keine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Ob die zwei Jahre als Präfekt der Bischofskongregation ihm dann den großen weltkirchlichen Durchblick verschafft haben, steht ebenfalls dahin. Fast an jedem Arbeitstag dem Chef einen neuen Bischof vorzuschlagen – oder dessen bereits hintenrum in die Wege geleitete Ernennung irgendwie zu begründen – klingt nach viel Arbeit und Ärger für jemanden, der trotz langjährigen Aufenthalts in Rom mit den Interna des Kurienapparates nur wenig zu tun hatte.
Vieles, wenn auch nicht alles, von dem, was Papst Leo bislang „auf eigene Rechnung“ gesagt oder getan hat, läßt vermuten, daß er zwar „ein Mann des Konzils“ ist – aber doch in dessen eher traditionsnaher und gesetzeskonformer Interpretation. Mehr ist realistischerweise nicht zu erwarten, nachdem die modernistischen Feinde des Glaubens 60 Jahre daran gearbeitet haben, aus dem von ihnen erfundenen „Geist des Konzils“ eine Ideologie zu machen, die fast alle Bereiche der Kirche durchdrungen und vor allem in Europa, aber nicht nur dort, statt des versprochenen „neuen Frühlings“ die bitterste Eiszeit seit der arianischen Krise des 4. und 5. Jahrhunderts herbeigeführt hat.
Inwieweit Papst Leo sich der Tiefe dieser Krise bewußt ist und mit welchen Mitteln er daran gehen wird, deren weiterer Ausbreitung Einhalt zu gebieten, sehen wir bisher noch nicht, werden wir aber in den kommenden Herbstmonaten genauer erkennen könne. Dann steht Leo vor der Aufgabe, die mit dem Tod von Franziskus freigewordenen und seitdem nur „bis auf weiteres“ wahrgenommenen Spitzenposition der römischen Apparate entweder für die restliche Amtszeit zu bestätigen oder neu zu besetzen. Seine bisherigen Ernennungen beschränkten sich – neben den teilweise sehr problematischen Bischofsberufungen – auf die Ebene der „gewöhnlichen“ Dikasteriums-Mitglieder. Diese stehen zwar großenteils im Kardinalsrang, spielen in den Dikasterien – sofern sie nicht selbst als Präfekt eingesetzt sind – jedoch eher die Rolle von Beiräten. Die eigentliche Arbeit wird unter der Verantwortung des Präfekten von den Sekretären und deren oft überraschend kleinem Mitarbeiterstab geleistet.
Besondere Aufmerksamkeit richten die Beobachter auf die Position des Präfekten des Gottesdienstdikasteriums Roche, dessen reguläre 5-Jahres-Amtszeit allerdings schon im kommenden Jahr ohnehin abläuft, und des Skandal-Präfekten Fernandez in der (Un-) Glaubensverwaltung, der momentan Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um seinen Verbleib im Amt zu sichern. Unter kritischer Beobachtung steht auch die künftige Verwendung der Kardinäle Hollerich und Grech, die als konsequenteste Vertreter eines modernistischen Säkularisierungskurses gelten, sowie die amtierende „Präfektin“ des Ordensdikasteriums Brambilla, die als nicht-geweihte Person in dieser Funktion auch die geistliche Aufsicht über geweihte Amtsträger ausüben soll. (Mehr zum Problem hier) Für viele Kirchenrechtler ist das ein ärgerlicher Rückfall in ein mittelalterliches Mißverständnis des Verhältnisses von Amts- und Weiheautorität. Und schließlich wird auch aufmerksam darauf gewartet, wen Papst Leo zum künftigen Präfekten des Bischofsdikasteriums ernennen wird. Diese Position ist seit der Wahl des vorherigen Präfekten Robert Prevost zum Papst nicht neu besetzt worden und wird derzeit von Leo mit übernommen - auf Dauer eine schwer erträgliche Belastung.
Die kommenden Wochen werden also spannend. Wir werden sie nicht nur hinsichtlich der Personalentscheidungen aufmerksam begleiten, um mehr Aufschluß darüber zu gewinnen, welche Chancen und Risiken sich der Kirche mit dem neuen Pontifikat bieten. Glücklicherweise sind wir bei diesem die Kraft eines Einzelnen bei weitem überfordernden Vorhaben nicht auf uns allein angewiesen. Das Pontifikat des „Dictator-Pope“ hat das Bewußtsein dafür geschärft, daß das Amt des Papstes zu wichtig und unter den gegenwärtigen Umständen auch zu sehr gefährdet ist, um alle Aktionen des Amtsinhabers wie gottgegeben hinzunehmen. So viele gutwillige und glaubensfeste, aber auch kritische Beobachter wie jetzt gab es noch nie. In den kommenden Tagen werden wir zunächst einige Beiträge aus anderen Publikationen im vergangenen August übernehmen, die Licht auf einige der Fragen werfen können, mit denen wir uns in der Zeit „Nach Franziskus“ beschäftigen müssen.
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