Sie werden Newman für ihre Irrlehren einspannen
04. Juli 2025
T.S. Flanders
Hellsichtig wie meistens
Die Ankündigung der Erhebung des hl. John Henry Newman zum Kirchenlehrer hat in der Kirche ein starkes Echo ausgelöst: Zu Recht. Kaum einer der großen Lehrer, die den orthodoxen Glauben der Kirche verteidigten, steht uns Heutigen näher als der englische Konvertit. Unter Mißdeutung dieser Nähe wird er freilich auch gerne von Leuten in Anspruch genommen, die den rechten Glauben bekämpfen. Musterbeispiele dafür publiziert häretisch.de in Stellungnahmen von Oliver Wintzek und Roman Siebenrock.
Timothy Flanders hat in seinem hier übersetzten Artikel eher skizzenhaft eines der Hauptinstrumente dieser Verfälschungen angesprochen. Wer mehr in die Tiefe gehen will, wird in einer mehrteiligen Artikelserie auf Peter Kwasniewskis "Tradition and Sanity" bestens bedient.
Auch wenn ich nicht viel von Newman gelesen habe, können wir doch die immense Bedeutung dieser Nachricht für die Kirchengeschichte erkennen. In vielerlei Hinsicht ebneten der Abfall Albions, der protestantische Aufstands Englands und dessen totalitärer Polizeistaat unter der bösen Gegnerin Marias Königin Elisabeth I. (1533- 1603) den Weg für all das Übel unserer Zeit – von der antikatholischen Geschichte des britischen Empires und seiner schändlichen Revolution von 1688 bis zum ebenso antikatholischen Sendungsbewußtsein des anglo-amerikanischen Imperiums, das in unserer Zeit die Irrtümer Russlands in unserer Zeit gefördert hat.[1]
Einer der größten Heiligen der Neuzeit, der heilige Paulus vom Kreuz (1694–1775), hat fünfzig Jahre lang seine Kommunion für die Bekehrung Englands aufgeopfert – und seine Gebete wurden von Gott erhört. Die Söhne des heiligen Paulus vom Kreuz – die Passionisten – gingen nach England und nahmen dort die Rückkehr der anglikanischen Häretiker entgegen, die im 19. Jahrhundert in großer Zahl (im Rahmen der Oxford-Bewegung) reumütig nach Rom zurückkehrten. Und der größte dieser reumütigen Häretiker war der heilige John Henry Newman, der schließlich durch Gottes Gnade bis zum Kardinal aufstieg! Und jetzt wird dieser Mann – die Erstlingsfrucht des reuigen Albion – nun zum Kirchenlehrer erhoben. Die Gebete des heiligen Paulus vom Kreuz tragen immer wunderbarere Früchte! Wie es im alten Lied des Glaubens unserer Väter heißt: „Möge England [und alle seine Töchter] durch Marias Fürsprache bald [von der Häresie] frei sein!“. (Hier im Netz)
Neomodernistischer Gebrauch und Missbrauch Newmans
Wir wissen, warum die Häretiker die Nachricht von dieser Erhebung begeistert aufgreifen – wir haben sie da schon einmal am Werk gesehen. Sie haben den Heiligen Vater davon überzeugt, „Fiducia Supplicans“ herauszugeben, das dann als „Entwicklung“ der Lehre bezeichnet und dann fälschlicherweise mit Newman begründet wurde – ebenso wie alle ihren anderen „Entwicklungen“.
Das bringt uns zu einem der Themen, für die Newman berühmt ist. Ich weiß nicht, ob er diesen Ausdruck erfunden hat, aber er wird immer wieder damit in Verbindung gebracht. Ich bin kein besonders gründlicher Kenner der Schriften Newmans, aber in seiner Abhandlung „An Essay on the Development of Doctrine“ – die vor seiner Bekehrung erschien – unterzieht er sich auf großartige Weise der Aufgabe, den orthodoxen Begriff der „Entwicklung“ vom modernistischen Begriff der „Evolution“ abzugrenzen.
„Evolution“ ist ein Kernelement des ketzerischen Modernismus
„Evolution“ bedeutet letztlich: Man hat hier einen Affen und dort einen Menschen. Der einzige Prozess, der das eine in das andere verwandeln kann, ist das, was Calvin und Hobbes „Transmogrifikation“ nannten: Die Verwandlung einer Sache in eine ihrem Wesen nach verschiedene Sache, die nicht mit der ersten übereinstimmt:
Und jetzt ein Beispiel für diese Art von „Evolution“ in der Lehre:
- „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll vergossen werden; denn der Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen“ (Gen 9; 6).
- Die Todesstrafe ist von Natur aus böse – sie ist immer böse und war es schon immer, unter allen Umständen.
Diese beiden Aussagen widersprechen sich. Nur durch „Evolution“ kann die eine Aussage zur anderen gemacht werden. Hier ein weiteres Beispiel, das von den Modernisten angeführt wird:
- Jesus ist nicht von den Toten auferstanden
- Jesus ist von den Toten auferstanden.
Die von Neuman (und später von Papst Pius X.) verurteilten Modernisten behaupteten, daß nach dem Glauben der frühen Kirche Jesus gar nicht wirklich nicht von den Toten auferstanden sei. Dieser Glaube sei erst nach Jahrzehnten und Jahrhunderten durch „Evolution“ aus dem „frommen Sinn der Gläubigen“ entstanden.
Das rechte Verständnis von „Entwicklung“:
Wenn wir uns ansehen, was Newman unter Heranziehung der Lehren von Johannes Paul II. zur Todesstrafe sagen würde, kämen wir zu einerm Paar von Aussagen wie:
- Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll vergossen werden; denn der Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen (Gen 9,6).
- In unserer Nachkriegszeit, in der sich die Situation im Vergleich zu früher dramatisch verändert hat, ist es zur Wahrung des Bildes Gottes im Menschen besser, das Leben von Verbrechern zu verschonen, als sie zu töten, auch wenn die Todesstrafe früher unter anderen Umständen richtig und gerecht war, wie es in der Genesis heißt.
Ob man der zweiten Aussage (die die Lehre von Papst Wojtyła zusammenfasst) zustimmt oder nicht, sie steht jedenfalls nicht im Gegensatz zur ersten. Vielmehr handelt es sich um eine „Entwicklung“, die den inneren Sinn der ersten Aussage beibehält.
Daher enthielten die lehramtlichen Texte des Ersten Vatikanischen Konzils dieses Anathema:
Wer behauptet, es sei möglich, daß den von der Kirche vertretenen Lehren je nach Fortschritt der Erkenntnis [scientia] manchmal ein anderer Sinn [sensus] zugeschrieben werden könne, als die Kirche verstanden hat und versteht, der sei mit dem Anathema belegt. (Vatikan I, Dei Filius)
Der Schlüsselbegriff hier ist „sensus“. Im zweiten Beispiel der „Entwicklung“ wird der in der Genesis enthaltene Gerechtigkeitssinn gewahrt: Es geht darum, in beiden Fällen das Bild Gottes im Menschen zu respektieren. Deshalb fügte Papst Pius X. in seinem Eid gegen den Modernismus (von dem einige Theologen behaupten, er sei unfehlbare Lehraussage) den Schlüsselbegriff „denselben Sinn“ hinzu. Zitat aus dem Eid:
„Ohne Rückhalt nehme ich die Glaubenslehre an, die von den Aposteln durch die rechtgläubigen Väter stets in demselben Sinn und in derselben Bedeutung bis auf uns gekommen ist. Deshalb verwerfe ich ganz und gar die irrgläubige Erfindung der Entwicklung der Glaubenssätze, die von einem Sinn zu einem andern übergingen, der abweiche von dem Sinn, den die Kirche einst gemeint habe. (Zitiert nach der deutschen Übersetzung von Hubert Jedin, hier im Netz)
Und aus diesem Grund beharrte Papst Johannes Paul II. im Kampf gegen die Neomodernisten in seiner Auseinandersetzung mit „Entwicklung“ vs. „Evolution“ in Veritatis Splendor auf diesem Schlüsselsatz:
„Gewiß muß für die universal und beständig geltenden sittlichen Normen die den verschiedenen kulturellen Verhältnissen angemessenste Formulierung gesucht und gefunden werden, die imstande ist, die geschichtliche Aktualität dieser Normen unablässig zum Ausdruck zu bringen und ihre Wahrheit verständlich zu machen und authentisch auszulegen. Diese Wahrheit des Sittengesetzes entfaltet sich - wie jene des Glaubensgutes (»depositum fidei«) - über die Zeiten hinweg: Die Normen, die Ausdruck dieser Wahrheit sind, bleiben im wesentlichen gültig, müssen aber vom Lehramt der Kirche den jeweiligen historischen Umständen entsprechend »eodem sensu eademque sententia« 99 genauer gefaßt und bestimmt werden; die Entscheidung des Lehramtes wird vorbereitet und begleitet durch das Bemühen um Verstehen und um Formulierung, wie es der Vernunft der Gläubigen und der theologischen Reflexion eigen ist.“ (Veritatis Splendor, 53; hier im Netz)
Aber was tun die Neomodernisten in unserer Zeit? Sie stellen ihren ketzerischen Affen neben einen Menschen und sagen: „Das ist Ergebnis einer „Evolution“.“
„Und jetzt gibt es noch etwas, das du lernen musst“, sagte der Affe. Ich höre, manche von euch sagen, ich sei ein Affe. Bin ich aber nicht. Ich bin ein Mensch. Wenn ich wie ein Affe aussehe, dann liegt das daran, daß ich so alt bin: Hunderte und Aberhunderte von Jahren. Und weil ich so alt bin, bin ich so weise. Und weil ich so weise bin, bin ich der Einzige, mit dem Aslan jemals sprechen wird. Er hat keine Lust, mit vielen dummen Tieren zu reden. Er wird mir sagen, was ihr zu tun habt, und ich werde es euch allen sagen. Und nehmt meinen Rat an und sorgt dafür, daß ihr ihn befolgt, und zwar im Eiltempo, denn er duldet keinen Unsinn.[2]
Ich bin ein Mensch, stell keine Fragen!
Also genau das werden sie tun, um uns „dumme Tiere“ zum Narren zu halten. Sie erzählen uns, ein Affe sei ein Mensch, nennen es „Entwicklung“ und sagen: „Na ja, Kardinal Newman ist ein Kirchenlehrer, Da steht es“ Wenn man Fragen stellt, werden sie Folgendes sagen:
„Jetzt fang nicht an zu streiten“, sagte der Affe, „denn das dulde ich nicht. Ich bin ein Mensch: Du bist nur ein fetter, dummer alter Bär. Was weißt du schon von Freiheit? Du denkst, Freiheit bedeutet, zu tun, was man will. Da irrst du dich. Das ist keine wahre Freiheit. Wahre Freiheit bedeutet, zu tun, was ich dir sage.“[3]
Von daher kann ich die Besorgnis meines Freundes Chris Jackson über die Boshaftigkeit der Neomodernisten beim Missbrauch Newmans verstehen. Aber ich unterstütze auch die Bemühungen meines anderen Freundes Murray Rundus, eine formelle Debatte über Newman zu führen und sie ausführlich zu diskutieren.
Auch wenn Neumanns These von der „Entwicklung der Lehre“ zutreffend ist, gibt es viele metaphysische Einzelheiten, die lehramtlich noch nicht geklärt sind. Hier bei OnePeterFive wollen wir die Clans vereinen, um zum Wiederaufbau der Christenheit beizutragen. Deshalb unterstützen wir eine formelle Debatte zwischen Herrn Jackson und Herrn Rundus, um diese entscheidenden Fragen tiefer zu ergründen, da die Neomodernisten Newman in den kommenden Tagen immer häufiger für sich nutzen werden.
Für die Anmerkungen verweisen wir wie meist bei solchen Übernahmen auf den Originalbeitrag. Um die angekündigte Debatte zwischen Chris Jackson und Murray Rundus nicht zu verpassen, empfehlen wir einen gelegentlichen Blick auf OnePeterFive.
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