Bischof Schneider zu einer „Rück-Reform“ des Novus Ordo
10. September 2025
Bischof Schneider 2017 in St. Afra, Berlin
Das Gespräch mit Bischof Schneide (hier zum Video), über das wir am 6. 9. berichte haben, behandelt im wesentlichen drei Themenbereiche.
- Zuerst die Frage der Liturgie, des Ritus des Heiligen Messopfers, der durch die gescheiterte Reform von Bugninis Consilium, deren Ergebnis Papst Paul VI. dann als „Novus Ordo“ promulgierte, an den Rand der Zerstörung gebracht worden ist.
- Zum zweiten eine scharfe Kritik an den von Papst Franziskus eingesetzten und von Papst Leo bislang fast ausnahmslos übernommenen Inhabern von Spitzenpositionen in der Kurie, die mit allen Kräften versuchen, die von Franziskus propagierten und geförderten Irrtümer zu verfestigen
- Zum Dritten eine ebenso scharfe Kritik an der glaubensfeindlichen Haltung der Mehrheitsfraktion der deutschen Bischöfe, die bereits über das Stadium der Propagierung des Irrtums hinaus sind und daran gehen, auf der Grundlage von Irrtümern eine neue Struktur aufzubauen.
Im Mittelpunkt der Aussagen des Bischofs zur Liturgie steht seine dringende Aufforderung, die von Papst Benedikt eingeleitete volle Rehabilitation der überlieferten Liturgie aufzunehmen und fortzusetzen sowie die im Missale Pauls VI. enthaltenen zahlreichen und seit 60 Jahren höchst verhängnisvoll wirkenden Möglichkeiten von Mißverständnissen und Fehldeutungen auszumerzen.
Bischof Schneider beginnt sein Plädoyer mit dem bisher nur selten gehörten Argument, die Freigabe der überlieferten Liturgie sei eine Frage der grundlegenden Gerechtigkeit in der Kirche: Viele Katholiken richteten ihr Leben schon in der zweiten Generation im Vertrauen auf das Wort von Päpsten an der „lex credendi“ dieser Liturgie aus und erzögen auch ihre Kinder in diesem Geist – ihnen diese Orientierung jetzt wieder zu nehmen, sei ein gravierender Verstoß gegen Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Alsdann wendet sich Bischof Schneider ausführlich der immer wieder und teils aus liturgischer Unbildung, teils als bewußte Lüge aufgestellten Behauptung zu, die überlieferte Liturgie sei ja erst in Trient beschlossen worden und könne ebenso „abgeschafft“ werden wie sie damals „eingeführt“ worden sei. Zu recht weist er daraufhin, daß das Missale der Reform nach Trient nur eine redaktionelle Überarbeitung des damals schon seit fast einem Jahrtausend überlieferten Ritus war, ohne allerdings auf die Gründe für diese Überarbeitung näher einzugehen – was vielleicht den Rahmen eines Interviews gesprengt hätte.
Das sei hier zumindest andeutungsweise nachgeholt: Das Konzil von Trient tagte in der Mitte des 16. Jahrhunderts und markierte der Beginn der „Gegenreformation“, einer dringend erforderlichen Wiederherstellungsphase kirchlicher Disziplin und Lehre, nachdem in ganz Mitteleuropa etwa drei Jahrhundert lang die verschiedensten Irrlehren den Glauben entstellt und in kriegerischen Unruhen Millionen von Menschen in materielles und geistiges Elend gestürzt hatten.
In dieser Zeit hatte die Kirche zwar in Rom und vielen anderen Zentren ihre Liturgie und Lehre im Wesentlichen ohne Verfälschungen bewahrt – aber an vielen Orten waren Irrtümer und Irrlehren in die Verkündigung und dementsprechend auch in die Meßliturgie eingedrungen, teilweise ohne daß das dem Klerus und den Gläubigen wirklich bewußt geworden wäre. Unter den Kommunikationsbedingungen des Mittelalters war es nicht leicht, solche Entstellungen aufzuspüren und zu berichtigen. Bis zur Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern Mitte des 15. Jahrhunderts konnten liturgische Bücher nur in mühseliger Handarbeit abgeschrieben, vervielfältigt und verbreitet werden. Dabei kam es nicht nur zu unbeabsichtigten Schreibfehlern und textlichen Mißverständnissen, sondern auch zu theologisch relevanten Verirrungen, wenn ein dieser oder jener reformatorischen Irrlehre zugeneigter Abt oder Ortsbischof seinen Schreibern befahl, Gebete zu verändern oder ganze Teile der Messe wegfallen zu lassen.
Erst der Buchdruck bot die Möglichkeit, ein lehrmäßig korrektes und allgemein verbindliches Muster-Missale nicht nur zu erstellen, sondern auch durchzusetzen – und genau das war die Funktion des Missales nach Trient. Es brachte nicht nur keinerlei Neuerungen gegenüber dem, was auch schon zuvor richtig gewesen war, sondern seine Promulgation ermöglichte es auf der Grundlage der Drucktechnik auch höchst wirkungsvoll, den einheitlich wieder hergestellten korrekten Textbestand gegen alle Versuche von Manipulationen abzusichern.
Es gehört zu den großen Schwächen des Novus Ordo, daß er den nach Trient hergestellten Vereinheitlichungsdruck verringerte und durch die Ermächtigung zum Gebrauch der Volkssprachen und der Verwendung von Varianten vielerlei Schlupflöcher öffnete, um abweichende theologische Positionen in die Messliturgie einzuschmuggeln. Das war weniger ein Fortschritt entsprechend den Erfordernissen des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, sondern eine Rückkehr in die unübersichtlichen Verhältnisse des Mittelalters.
Neben seiner Forderung nach die Wiedereinsetzung des überlieferten Ritus der Kirche begibt sich Bischof Schneider in seinem Gespräch auf ein Gebiet, das die meisten Anhänger der Tradition vorsichtigerweise meiden: Er denkt laut nach über eine „Reform der Reform“, die den aus dem Ruder gelaufenen „Novus Ordo“ wieder in Lehre und Tradition der Kirche zurückholen könnten.
Dabei stützt er sich auf eine konservative Interpretation der Konzilserklärung „Sacrosanctum Concilium“ und läßt somit von den Erfindungen der Bugnini-Kommision nicht allzu viel übrig. Er verlangt die Wiedereinführung gestrichener Elemente wie der Gebete am Fuß des Altares und der traditionellen Opferungsgebete – beides erinnert Zelebranten und Mitfeiernde auf nachdrückliche Weise daran, daß die hl. Messe ihrem Wesen nach eine Opferfeier ist und nicht eine Gemeindeversammlung, wie es die verschiedensten Häretiker seit dem 14. Jahrhundert immer wieder behauptet hatten. Ab der Opferung will er auch die Zelebrationsrichtung „ad Dominum“ wiederherstellen – ebenfalls, um die populäre gemachte Gleichsetzung mit einer Gemeindeversammlung zurückzuweisen. Gegenüber den Reformatoren des vergangenen Jahrhunderts von Consilium bis Papst Paul VI. erhebt er den Vorwurf, daß ihre Liturgie letztlich die Erfüllung der Forderung Luthers darstelle, es sei aus der Messe alles zu entfernen, „was nach Opfer stinkt“.
Die Verwendung der Volkssprache will Bischof Schneider ganz in Geist und Wortlaut von Sacrosanctum Consilium auf den Einführungs und Entlassungsteil sowie den „Wortgottesdienst“ reduzieren. Der Hauptteil der Messe, zumindest der Canon, soll generell auf Latein gebetet werden. Die neu eingeführten Hochgebete sollen wieder verschwinden und durch den allein verbindlichen Canon Romanus ersetzt werden, der selbstverständlich ebenfalls in lateinischer Sprache gebetet wird. Diese Form der Liturgie soll überdies, wenn wir den Bischof richtig verstehen, in keiner Weise an die Stelle der historisch gewachsenen liturgischen Formen des lateinischen Ritus treten, sondern als zusätzliche Möglichkeit angeboten werden.
Um das aus unserer Sicht weiter auszuführen: Die „historisch gewachsene Formen“ der lateinischen Liturgie sind das feierlichen Hochamt mit Leviten und weiterem umfangreichen Altardienst sowie Schola. Diese Grundform wird „nach oben“ erweitert zum Pontifikalamt mit der zusätzlich möglichern Erweiterung zur traditionellen Papstmesse. „Nach unten“ ergibt sich dann die Reduktionsstufe der stillen Einzelmesse des Priesters ohne obligatorische Gemeindebegleitung. Dieses historisch gewachsene Spektrum mit seinen zahlreichen Übergangsstufen bliebe nach den Vorstellunge von Bischof Schneider also im Prinzip vollständig erhalten und würde ergänzt durch eine „Gemeindemesse“ des reformierten Novus Ordo, die den besonderen spirituellen Bedürfnissen von Gemeinschaften verschiedener Art entgegen käme. In dieser Kategorie „Gemeindemesse“ könnte man sich dann wohl auch eine Beibehaltung von Formen der Konzelebration vorstellen – nicht als Massenauftrieb im Fußballstadion, sondern als gemeinsame Messfeier in Gemeinschaft lebender und arbeitender Gruppen von Priestern und ihres Umfeldes.
Da jede offizielle Reform des Novus Ordo – und sei es auch nur in Richtung einer schrittweisen Annäherung an ein im anti-revolutionären Sinne gelesenes „Sacrosanctum Concilium“ derzeit utopisch erscheint, muß man sich mit dem Nachdenken über die Einzelheiten einer solchen Neuordnung und deren Chancen und Risiken nicht allzu lange aufhalten. Dennoch ist es sehr begrüßenswert, daß Bischof Schneider in seinem Interview einige Themen aus diesem Bereich angesprochen hat: Ohne eine umfassende Diskussion und letztlich Behebung der Mängel der liturgischen Verirrungen des vergangenen Jahrhunderts ist an eine Überwindung der Kirchenkrise nicht zu denken.
Der rapide Verfall von Glauben und Kirche insbesondere Mitteleuropas läßt es nicht länger zu, die Augen vor der Einsicht zu verschließen, daß die liturgischen „Reformen“ des Pauls VI. die sich großenteils zu Unrecht auf das II. Vatikanum berufen, den Niedergang nicht gebremst, sondern beschleunigt haben. Und eine verhältnismäßig leicht zu realisierende Möglichkeit, zumindest den Katholiken und katholischen Gemeinden, die die Tiefe der Krise zu erkennen beginnen, einen Rettungsweg zu eröffnen, wäre die Rückkehr zur „pax liturgica“ von Papst Benedikt XVI. Über alles, was darüber hinaus ginge, kann man sich dann in zweiten und weiteren Schritten den Kopf zerbrechen.
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