Zur 37. Woche II - Liturgisches
13. September 2025
Endlich volkstümlich - Feierlicher Einzug mit Kardinal Schönborn
Es ist nun auch schon fast 25 Jahre her, daß Martins Mosebachs „Häresie der Formlosigkeit“ über die brutale Einführung der Liturgiereform in der Kirche erschienen ist. Mosebach erkannte darin einen als „Reform“ getarnten Umsturz, der in Wirklichkeit nichts anderes war als ein Bestandteil der großen Kulturrevolution, die ab Mitte der 60er Jahre Rom, Paris, Berkeley und Berlin erschütterte. Nicht zu vergessen den unmittelbaren Auslöser oder Zündfunken in Peking, die „Große Proletarische Kulturrevolution“ Mao Tse-Tungs, die das Motto „Nieder mit dem schlechten Alten, freie Bahn dem Neuen“ zum nicht mehr hinterfragbaren Glaubensbekenntnis jedes „neuen Frühlings“ machte.
Inzwischen haben sich die schlimmsten Befürchtungen Mosebach bestätigt, doch es gibt auch Lichtblicke. Seit dem Erscheinen des Buches ist nun unter den von Franziskus mit Begriffen wie „sektiererische Traditionalisten“, „rückständige Indietristen“ und ähnlichen liebevollen Worten bedachten Anhängern der Überlieferung – ganz unerwartet und gegen alle Prognosen – eine neue Generation herangewachsen, die Mosebachs Buch vielleicht gar nicht mehr kennt – deshalb unsere dringende Leseempfehlung. Nirgendwo sonst und erst recht nicht in theologischer Fachliteratur ist so eindringlich beschrieben worden, daß „Formlosigkeit“ nicht nur eine Stillosigkeit, einen bedauerlichen äußeren Mangel, darstellt, sondern an den Kern der Sache rührt: Umfassende Formlosigkeit bedeutet, das kann man bereits in den ersten Versen des Buches Genesis nachlesen, die programmatische Absage an die gute Ordnung von Welt und Leben überhaupt. Sie ist die Mutter aller Häresien.
Die Nachfahren der Revolutionäre von 1965 sind zutiefst beunruhigt, daß die Jahrzehnte ihrer ideologischen Hegemonie möglicherweise zu Ende gehen und ausgerechnet Teile der jungen Generation wieder zum „schlechten Alten“ zurück zu schauen beginnen. In Gesellschaft und Kirche erklären die Revolutionäre von Vorgestern ihre Errungenschaften für „unumkehrbar“, und wo sie dennoch eine Umkehr befürchten, greifen ihre radikalsten Vertreter denn auch schon ein zum Hammer, um Kniescheiben zu zerschmettern, oder gleich zum finalen Rettungsschuss wie jetzt beim Attentat auf Charlie Kirk. In der Kirche sind wir davon noch ein Stück entfernt, aber auch hier nehmen die Versuche zur Marginalisierung und zur Ausgrenzung derer, die das hochgelobte Neue auch unter Anwendung von Zwang nicht annehmen wollen, in bedenklichem Maß zu. Gerade aus den USA – Stichworte Charlotte (Bischof Martin) oder Detroit (Erzbischof Weisenburger) – kommen irritierende Beispiele.
Um einen Ehrenplatz in der Reihe bewirbt sich jetzt Kardinal Cupich von Chicago mit einem Artikel, den er Anfang des Monats in seinem Diözesanblatt unter seinem Namen veröffentlichen ließ. Besonders originell ist der Text nicht; er ist eine platte Zusammenstellung von Leitsätzen der „Liturgie der Formlosigkeit“ aus den letzten Jahrzehnten. Natürlich darf da der Verweis auf die (angeblich) von Vinzenz von Lerins formulierten und vom neuen Kirchenlehrer Newman aktualisierten Sätze zur permanenten Weiterentwicklung von Lehre und Liturgie nicht fehlen. Aber dann verwendet Cupich ein Argument, das man in der Alltagsrede der Reformer eher selten antrifft:
Besonders während der karolingischen (7. bis 9. Jahrhundert) und barocken (17. bis 18. Jahrhundert) Zeit wurden zahlreiche Anpassungen in die Liturgie eingefügt, die Elemente der kaiserlichen und königlichen Höfe enthielten und so die Ästhetik und Bedeutung der Liturgie veränderten. Die Liturgie wurde dann eher zu einem Spektakel als zur aktiven Teilnahme aller Getauften am Heilswirken des gekreuzigten Christus.
Die Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ lässt sich durchaus als Korrektur dieser karolingischen und barocken liturgischen Anpassungen lesen, indem die ursprüngliche Betonung der Liturgie auf der aktiven Teilnahme der Laien und einer edlen Einfachheit wiederhergestellt wurde.
Das ist nichts als Ideologie. Abgesehen von der unbegründbaren Einschränkung auf die karolingische und die barocke Epoche, geht die hier zugrunde liegende Denkrichtung zumindest zur Hälfte, wenn nicht sogar überwiegend, am Kern der Sache vorbei: Die Übernahme höfischer Elemente galt niemals allein der Selbsterhöhung der Mitwirkenden, sondern war immer auch Ausdruck des Bewußtseins, daß für den Dienst vor Gott das Edelste und Kostbarste, das die Zeit und die Umstände bieten konnten, gerade gut genug war.
Vom Hof des Sonnenkönigs ist die Anekdote überliefert, die Höflinge hätten darüber gestritten, ob man sich beim Sonntagsamt vor dem König oder vor dem Altar zu verneigen habe. Schließlich ging die Frage nach Rom, und es gab auch eine Antwort: Der Hofstaat solle sich vor dem König verbeugen; dieser aber solle sie in einer tiefen Verbeugung vor dem Altar Gottes weitergeben. Die von den abirrenden Vertretern der „liturgischen Bewegung“ erfundene und von Cupich nachgeplapperte Idee ist nichts anderes als ein Ausfluß der nachgerade klassenkämpferischen und kulturrevolutionären Elemente der Liturgiereform.
Und schlimmer noch, der in diesen Denkfiguren angelegte Krieg gegen die traditionell zum Gottesdienst gehörenden ästhetischen Elemente höfischer Tradition und kultureller Identität lassen erkennen, daß der Purismus der Reformatoren und die vermeintliche Rückkehr zur „edlen Schlichtheit“ der Ursprünge nichts anderes beinhaltete als ein großangelegtes Programm der Exkulturation. Wo moderne Liturgologen sich für Südamerika keinen „Gottesdienstleiter/in“ ohne Federschmuck vorstellen mögen, ist ihnen für das kulturell über den Kontinent hinausreichende „Europa“ die überlieferte und auch heute noch den meisten Menschen intuitiv eingängliche Sprache der traditionellen Ästhetik zutiefst verdächtig. Inkulturation gilt nur für „Exoten“ – eine bemerkenswerte Mischung von kolonialistischem Hochmut und europäischem Selbsthass, um zumindest ansatzweise eine Einordnung in die derzeitige ungeistige Landschaft vorzunehmen.
Da trifft es sich gut, daß gerade in diesen Tage, in denen Cupichs Artikel diese platten Grundsätze der Liturgiereform wieder einmal vor Augen gestellt hat, außerhalb Europas ein Beispiel dafür zu zu beobachten war, daß kulturelle, genauer gesagt, rituelle, und den „Menschen von heute“ angeblich nicht mehr zumutbare Elemente von Tradition durchaus noch so „funktionieren“, wie sie immer funktioniert haben: Als Mittel, den Blick über den säkularen Alltag hinaus zu erheben und nicht nur „schöne Gedanken“ zu haben, sondern auch höhere Zusammenhänge zu begreifen, vielleicht sogar Anklänge von Transzendenz. Das gilt wohl auch im „Heidentum“ mit all seinen ihm anhaftenden Defiziten und Irrtümern.
Von der Sache her geht es hier darum, dem bereits im vergangenen Jahr 18 Jahre alt gewordenen Sohn des Kronprinzen in Anwesenheit seiner Eltern und des Kaiserpaares, sowie der gesamten kaiserlichen Familie und Vertretern des Hofamtes den „Amtshut der Volljährigkeit“ zu verleihen. Die gängige Übersetzung mit „Krone“ führt leicht in die Irre, ist aber auch nicht völlig unzutreffend. Das verlinkte Video eines japanischen Fernsehsenders zeigt übrigens zusätzlich zur aktuellen Zeremonie Ausschnitte von den entsprechenden Feierlichkeiten seines Vaters sowie des jetzigen Kaiser vor 40 bzw. 46 Jahren – da hat sich sich nichts geändert, nur ein üppiger Bonsai der 80er Jahre mußte durch einen noch sehr schmächtigen Nachfolger ersetzt werden.
Was dabei besonders auffällt: Man braucht keine große Übersetzung oder Kommentierung, um etwas von dem zu erfühlen, was hier vor sich geht Allein die Sprache der Bilder zeigt, wer und was wichtig ist – und wie man sich als Mensch, dem die eigene Stellung (und die seiner Mitmenschen, von den Höhergestellten ganz zu schweigen) bewußt ist, „im offiziellen Rahmen“ zu bewegen hat, damit die Ordnung der Dinge – und damit im Rahmen dieser Vorstellungen auch die Ordnung der Welt – zum Ausdruck gebracht und aufrecht erhalten wird. Der Saal, in dem das stattfindet, heißt: Der Raum von Frühling und Herbst.
Die Sprache der aus dieser Halle übertragenen Bilder bringt Dinge zum Ausdruck, die den religiösen Zeremonien vieler Völker und vieler Zeiten gemeinsam sind, weil sie der von Gott für die Seelen gewollten Natur des Menschen entsprechen. Einiges davon kann man etwa im der Ankleideritus des Bischofs vor dem feierlichen Pontifikalamt wiederfinden und nicht nur dort. Immer wieder – etwa wenn der Hofbeamte beim Kürzen der widerspenstigen Verschnürung des Amtshutes ein Velum benutzt, um die von ihm gestützte Wange des Prinzen nicht direkt zu berühren – wünscht man sich, auch nur einen kleinen Abglanz davon in aktuellen Hochämtern und „gewöhnlichen“ Messfeiern wiederzufinden, wenn der Priester den Leib des wahren Herrn der Welt in der Hand hält und den Gläubigen zum Empfang reicht. Doch da regiert allzu oft blanke Formlosigkeit. Das über 8 Stunden dauernde Tagesprogramm, das im Video an zwei Stellen als Infotafel gezeigt wird, enthält nur eine einzige im engeren Sinne „religiöse“ Zeremonie: Unmittelbar nach Empfang des Amtshutes begibt sich der Prinz mit kleinem Gefolge zur „Palastkapelle“, die aus drei auf einer gemeinsamen Plattform nebeneinander errichteten Schreinen besteht – aus deren Inneren es aber auch im Medienzeitalter keine Bilder gibt.
Weitere religiöse Riten finden an den anderen Tagen der eine ganze Woche lang dauernden Festlichkeiten der Volljährigkeit statt. Im Zentrum stehen dabei Besuche an den Gräbern der nahen und der fernsten Vorgänger des amtierenden Kaisers. Der Prinz legt dabei Blumengeschenke auf einem vorbereiteten Altar mit Reiskuchen und Reiswein ab. Höhepunkt ist die Reise ins 450 km von Tokyo entfernte Ise zum Schrein der Sonnengöttin – dessen inneres Schreinhaus der Prinz zu dieser Gelegenheit aber noch nicht betreten darf.
Die Grammatik der religiösen Zeremonien hat strenge Regeln – die den meisten „gewöhnlichen“ Menschen unmittelbar einleuchten und nur den metaphysisch blinden und tauben Konstrukteuren des Novus Ordo zum größten Teil verborgen geblieben sind. Diese Regeln zu verletzen oder gar abzuschaffen hat, wie an vielen Orten der Kirche zu besichtigen, schlimme Folgen.
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