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Die Legende von den hl. drei Königen nach dem Buch der Schatzhöhle

06. Januar 2026

3 Geschichte und Tradition

Der im frühen Jugendstil geschaffene Wandteppich zeigt links in einem angedeuteten Stall die hl. Familie und rechts die drei Könige: Der alte im orientalischen Gewand, der mittlere in mittelalterlich-europäischer Rüstung, der jüunge als festlich gekleideter Afrikaner. Alle haben ihre Kronen abgelegt und und tragen sie mit ihren Gaben in der Hand. Zwischen ihnen und der hl. Familie leuchtend im Zentrum der in Person eines über dem Boden schwebenden Engels dargestellte Stern.

Die hl. Familie, die Könige und ihr Stern

Von der Huldigung der „Weisen aus dem Morgenland“ für den neugeborenen Kö­nig der Juden berichtet alleine das Matthäus-Evangelium (in 2; 1 – 12). Dabei über­liefert Matthäus weder die Zahl noch die Namen dieser bei ihm als „magoi“ bezeichneten Rei­sen­den „aus dem Osten“. Sie wurden erst Jahr­hun­derte später in frommen Erzählungen als die „heiligen Drei Könige“ benannt, und die heute geläufigen Namen Caspar, Melchior und Balthasar wurden ihnen noch einmal Jahr­hun­derte später zugeschrieben. Nach den aus dem Volk Israel stammenden Hirten von Bethlehem geben sie als Abgesandte aus der Heidenwelt zum zweiten Mal Zeugnis für die Erscheinung des Herrn im menschlichen Fleisch. Und diesmal nicht nur für die kleine Herde des auserwählten und doch so wankelmütigen kleinen Volkes zwischen Jordan und Mittelmeer, sondern für die ganze Welt, deren drei damals bekannte Kon­tinente in Jerusalem ihren Treff- und Schnittpunkt haben.

Nach der Schilderung des Matthäus waren die drei frommen Besucher keine „Könige“, sondern eher Sterndeuter, die freilich als Astronomen und Astrologen (die Unter­schei­dung von Beidem ist eine moderne Errungenschaft) an vielen Königshöfen des alten Orients eine bedeutende Stellung innehatten. Wahrhaft königlich waren dagegen die Gaben, die sie dem neugeborenen Heiland zu Füßen legten: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Sie hatten nicht nur materiellen Wert, sondern auch hohe symbolische Bedeu­tung, die Prudentius Aurelius Clemens (* 349 – † nach 405) in seinem großen Gedicht zur Erscheinung des Herrn (hier im Hymnarium) in einer Anrede an den neugeborenen Heiland so zusammenfasst:

Erkenne darin die deutlichen Zeichen
Deiner Wesenheit und Deines Königtums,
oh Kind, die Dir der Vater
als dreifaches Erbe bestimmt hat:

Den König und den Gott künden
der Goldschatz und der wohlriechende Duft
des Weihrauchs von Saba – doch das Pulver der
Myrrhe sagt schon das Grab voraus.

Die Dreizahl der Gaben war einer der wesentlichen Gründe dafür, auch die Zahl der sie überbringenden Magier, Hofastronomen oder eben Könige mit „drei“ anzunehmen, doch die symbolische Bedeutung dieser Geschenke geht noch einmal weit über die von Pru­den­tius dargelegte Deutung hinaus.

Das aus dem alten Syrien in verschiedenen spätjüdischen und frühchristlichen Versionen überlieferte apokryphe „Buch der Schatzhöhle“ widmet sich ganz der erzählenden Aus­deu­tung der symbolischen Bedeutung dieser drei Schätze und zeichnet zusammen mit Hinweisen aus dem ebenfalls apokryphen „Testament Adams“ ein den ganzen Kosmos und die gesamte Heilsgeschichte umfassendes Panorama von der Bedeutung dieser Hul­digung der Heidenwelt für den König und Messias Israels. Es wurde früher dem Kir­chen­vater Ephraim der Syrer († 373) zugeschrieben, ist in seinen heute bekannten Fassungen jedoch mindestens zwei oder drei Jahrhunderte jünger, Eine verhältnismäßig späte äthi­opische Version ist hier in englische Übersetzung zum Download als PDF kostenlos ver­fügbar. ()

Wie schon bei der Erzählung von der Geschichte des wahren Kreuzes Christi greift auch die Legende von der Schatzhöhle bei ihrer Darstellung der Heilsgeschichte bis an den Ur­sprung des Unheils, den Sündenfall und die Vertreibung der Menschen aus dem Paradies zurück. Und genau daran liegt die jenseits aller (un-)historischen Details liegende Aktua­lität dieser Erzählung für eine Gegenwart, die vom Sündenfall und der gefallenen Natur des Menschen nichts wissen will und in dem Wahn lebt, aus eigener Kraft ein irdisches Paradies neu schaffen zu können.

Nach der Legende von der Schatzhöhle fanden sich Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies in einer tief in der Erde unterhalb des Paradieses gelegenen finsteren Höhle wieder, wo sie verängstigt und verzweifelt ihr Vergehen und die darauf folgende Bestrafung beweinten. Als Geste des Trostes und seiner andauernden Fürsorge ließ ihnen der Herr durch drei Erzengel drei kostbare Gaben zukommen: Gold, Weihrauch und Myrrhe nicht aus irdischer Materie, sondern wie der Text eindrücklich unterstreicht, aus der überirdischen Substanz des Paradieses. Damit erneuerte der Herr – wenn auch auf einer anderen Ebene – das dem Adam bereits im Paradies übertragene Priester- und Königsamt (hier und hier) und pflanzte ihm die Hoffnung auf die Wiederherstellung seiner Unsterblichkeit (nämlich in der Auferstehung Christi) ein. Die Höhle selbst aber wurde so nicht nur zu einer Schatzhöhle, sondern zu einem Heiligtum „für Adam und seine Söhne“ – sie war also eine Vorgestalt des Heiligtums im Tempel auf dem Zionsberg, das als „Schemel der Füße des Herrn“ (Ps. 98; 5) in das Paradies und die Gegenwart Got­tes hineinragte.

Nach der Ermordung Abels, der Flucht Kains und schließlich dem Tod Adams übernahm Adams Sohn Seth das Priesteramt und die ihm von seinem Vater ausdrücklich aufgetra­gene Fürsorge für das Heiligtum mit den Schätzen, die von Generation zu Generation weitergegeben und schließlich dem Messias überreicht werden sollten. Vor Einsetzen der Sintflut hat dann Noah diese Kostbarkeiten zusammen mit dem vor oder in der Höhle be­statteten Leichnam Adams in der Arche des Bundes in Sicherheit gebracht, um sie nach dem Rückgang der Wassermassen erneut zu verbergen.

Das den Sethiten übertragene Amt und sein Auftrag bleiben also über diese zweite Katastrophe erhalten – und die Verbindung zum erlösenden (Kreuzes)Opfer rückt stärker ins Blickfeld. Der Bund bleibt ungekündigt und wird durch das Dankopfer Noahs nach der Flut (Gen 8; 20) erneuert und bekräftigt. Nie wieder will der Herr seine Schöpfung mit Vernichtung bedrohen, die Erlösung von der Schuld ist zwar noch nicht vollzogen, aber doch angekündigt.

An dieser Stelle wird der Mythos oder besser gesagt das Mythenbündel, in dem er über­liefert ist, noch unpräziser in der Darstellung als schon bis dahin. Eine Fülle von früh- bis spätmittelalterlicher Gelehrsamkeit hat versucht, diese Unübersichtlichkeit aufzuklären – so weit wir sehen, in keinem Fall auf überzeugende Weise. So begnügen wir uns damit, die Hauptlinie nachzuzeichnen. Auf ungeklärte Weise kommt der keinem der bisher bekannten Stämme und Geschlechter angehörige Priesterkönig Melchisedech ins Bild und wird durch eine göttliche Offenbarung zum Versteck der Schätze und des Leichnams Adams geführt, um sie zum „Mittelpunkt der Erde“ zu bringen und dort erneut zu ver­ber­gen. Diese Erde ist nun freilich nach dem Weltbild des alten Testaments keine Kugel, sondern liegt flach auf den Wassern der Urflut mit Jerusalem im Zentrum – und in der Mitte Jerusalems liegt für die vorchristlichen Juden der Tempelberg und für die mittel­alterlichen Christen Golgatha. Danach hätte also Melchisedech die drei Schätze wieder an ihren ursprünglichen Ort in der Nähe des Grabes Adams zurückgebracht. Diese Lesart macht einerseits durchaus Sinn, da Melchisedech als „Priester des höchsten Gottes“, König von (Jeru-)Salem und Lehensgeber Abrahams eine überaus prominente Rolle in der Reihe der Vorgestalten Christi einnimmt.

Andererseits wirft sie jedoch die Frage auf, wie später die aus der Ferne nach Jerusalem und Bethlehem gekommenen Drei Weisen in den Besitz eben dieser Kostbarkeiten gelangt sein könnten. Die äthiopische Version der Erzählung lässt sich von dieser Unge­wissheit nicht beirren. Der Himmelsbote, der ihnen den Auftrag zur Reise nach Jerusalem/Bethlehem erteilt hat, führt sie auch zu den nun im Berg Nodh im Lande der Skythen ihrer Auffindung harrenden Kostbarkeiten. So können sie ihrem Auftrag gerecht werden und die als Unterpfand künftigen Heils empfangenen Kostbarkeiten des der Sünde verfallenen ersten Adam dem von der Sünde freien zweiten Adam und Heils­brin­ger darbringen: Als Bestätigung und Besiegelung seines Auftrags, das voreinst verspro­chene Werk der Erlösung zu vollenden.

Wie schon bei Melchisedech sind in diesen heilsgeschichtlichen Abschnitt auch hier Personen als Vermittler einbezogen, die deutlich erkennbar nicht aus dem Bundesvolk Israel stammen – und die dennoch an der Aufgabe beteiligt sind, den Nachkommen Abrahams (denen im Geist ebenso wie denen im Blut) das versprochene Erbe zu über­mitteln. Das eröffnet eine erstaunliche Perspektive: Die Gnade der Erlösung wird also nicht erst mit der Geburt des Heilands quasi aus heiterem Himmel auch auf die Angehö­rigen der „Heidenvölker“ ausgedehnt und übertragen, sondern einige Hervorragende unter ihnen wären danach schon immer in das Heilshandeln Gottes einbezogen gewesen. Eine für die Angehörigen nicht-jüdischer Völkerschaften des antiken Orients, in deren Umkreis Schriften wie das Buch der Schatzhöhle entstanden sind, sicher sehr attraktive und auch tröstliche Vorstellung.

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Noch ein Hinweis zur oben gezeigten Illustration: Genau in der Bildmitte steht eine in leuchtendes Gold gekleidete Gestalt - bei näherem Hinschauen erkennt man, daß sie mit den Füßen über dem Boden schwebt und an den Schultern Engelsflügel hat, dazu in den Händen einen Stern. Diese Darstellung ist keine eigenwillige Erfindung des Künstlers, der den Tep­pich entworfen hat. Diese leuchtende Figur ist der Engel des Sterns, oder noch genauer gesagt: Sie IST der als Person dargestellte Stern – in der jüdischen Tradi­tion, die noch bis in die Engel der Offenbarung des Johannes und in frühchristliche Apo­kry­phen reicht, sind Engel und ihre Sterne bzw. Sterne und ihre Engel ein und die selbe überirdische Wesen­heit, Boten des Wortes Gottes und Führer und Beschützer der Men­schen auf all ihren Wegen.

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