Die Debatte um den Konsistoriums-Beitrag von Kardinal Roche geht weiter
30. Januar 2026
Dom Alcuin bei der Verlesung des Evangeliums
Die Debatte über das Manifest von Kardinal Roche zur Rechtfertigung von Traditionis Custodes nimmt an sprachlicher Schärfe und theologischem Tiefgang zu. Dieser Tage hat nun die in Rom arbeitende Journalistin Diane Montagna zwei ausführliche Texte zur Kritik dieses Papiers und des von Papst Franziskus 2021 erlassenen Motu Proprio veröffentlicht, die klar machen, daß ohne eine Aufhebung dieses Dokuments ein Friedensschluß der Kirche mit ihrer eigenen Geschichte nicht zu erwarten ist.
Erster hier zu behandelnder Artikel ist ein langes Interview von Montagna mit Weihbischof Athanasius Schneider vom 20. Januar, in dem der Bischof sowohl die theologischen Grundlagen von TC als auch dessen behauptete Kontinuität zur liturgischen Entwicklung in der lateinischen Kirche einer scharfen Kritik unterzieht. Über die bewußt entstellende Zitierung von „Quo Primum“ von Pius V. ist schon viel geschrieben worden. Darüber hinaus bringt Schneider als bisher überhörte Stimme das Buch „A Wider View of Vatican II“; (hier eine ausführliche Besprechung von Peter Kwasniewski) des bereits 2004 verstorbenen Archimandriten Bonifatius Luykxs von der ukrainisch-griechischen katholischen Kirche ein, der als Peritus des Konzils und Mitglied des Consiliums zur Reform des Missales wertvolle Kenntnisse aus eigener Beobachtung beisteuert. Um nur ein Zitat daraus wiederzugeben:
„Hinter diesen revolutionären Übertreibungen verbargen sich drei typisch westliche, aber falsche Prinzipien: (1) die Vorstellung (à la Bugnini) von der Überlegenheit und dem normativen Wert des modernen westlichen Menschen und seiner Kultur für alle anderen Kulturen; (2) das unvermeidliche und tyrannische Gesetz des ständigen Wandels, das einige Theologen auf die Liturgie, die kirchliche Lehre, die Exegese und die Theologie anwandten; und (3) der Primat des Horizontalen“ (A Wider View of Vatican II, Angelico Press, 2025, S. 131).
Mit Nachdruck vertritt Bischof Schneider die These, die vom Konzil in Sacrosanctum Concilium konzipierte Reform der Liturgie sei mit dem bis 1965 erarbeiteten und in Kraft gesetzten neuen Ordinarium und „De defectibus“ des Missale Romanum im Wesentlichen verwirklicht worden. Nach diesem Missale war am 8. Dezember 1965 unter großer Zustimmung der Konzilsväter die Abschlußmesse des Konzils gefeiert worden – alle später vorgenommenen Veränderungen am Ordo gehen nach Luykxs weit über das vom Konzil selbst gewollte hinaus.
Ausführlich setzt sich Bischof Schneider auch mit der Behauptung von Roche auseinander, die „Einheit der Kirche“ verlange auch eine Einheit im Ritus, die weder durch die bisherige Geschichte der lateinischen Liturgie noch durch die außerordentliche Freizügigkeit der real existierenden Novus-Ordo-Liturgie gedeckt sei. Daß Präfekt Roche es dennoch wagte, dem Konsistorium eine in allen zentralen Punkten unhaltbare Darstellung der Liturgiegeschichte vorzulegen, erklärt Bischof Schneider folgendermaßen:
Es ist durchaus möglich, daß die Kardinäle als Gruppe dieses Papier, wäre es im Konsistorium am 7./8. Januar zur Diskussion gestellt worden, gar nicht richtig hätten beurteilen können. Grund dafür ist der weit verbreitete Mangel an liturgischer Bildung in der heutigen Kirche, auch unter Klerus und Hierarchie. Wie viele von ihnen hätten beispielsweise die Behauptung des Kardinals zu Pius’ V. Quo primum zurückweisen können? In einem zukünftigen Konsistorium steht es dem Papst frei, einen Experten (Peritus) zu beauftragen, den Mitgliedern des Heiligen Kollegiums ein fundierteres und wissenschaftlicheres Papier zu dem von ihm gewünschten Thema vorzulegen. Vielleicht wäre dies ein gangbarer Weg für das außerordentliche Konsistorium Ende Juni 2026?
Ich glaube, daß heute unter Bischöfen und Kardinälen eine große Unkenntnis hinsichtlich der Geschichte der Liturgie, des Charakters der liturgischen Debatten während des Konzils und sogar des Textes selbst der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die heilige Liturgie herrscht.
Der Vorschlag zur Einschaltung eines Peritus klingt zunächst durchaus interessant, verliert aber unter Betrachtung der gegenwärtigen Verhältnisse schnell seinen Charme – oder will irgend jemand wirklich riskieren, daß schließlich Andrea Grillo zum Sachverständigen berufen wird?
Zum Abschluß des Interviews bringt Bischof Schneider noch einmal seine beißende Kritik an Traditionis Custodes und den dahinter stehenden Prälaten zum Ausdruck:
Kardinal Roches Dokument erinnert an den verzweifelten Kampf einer Gerontokratie, die sich ernsthafter und zunehmend lauterer Kritik ausgesetzt sieht – vor allem seitens der jüngeren Generation, deren Stimme sie durch manipulative Argumente und letztlich durch Machtmissbrauch zu unterdrücken versucht.
Doch die zeitlose Frische und Schönheit der Liturgie, zusammen mit dem Glauben der Heiligen und unserer Vorfahren, werden sich letztendlich durchsetzen. Der Glaubenssinn erfasst diese Realität instinktiv, insbesondere bei den „Kleinen“ in der Kirche: unschuldigen Kindern, heldenhaften Jugendlichen und jungen Familien.
Aus diesem Grund möchte ich Kardinal Roche und vielen anderen älteren und mitunter starrköpfigen Geistlichen dringend raten, die Zeichen der Zeit zu erkennen – oder, um es bildlich auszudrücken, sich dem Wandel anzuschließen, um nicht den Anschluss zu verlieren.
Als zweiten Text von der Website Diane Montagnas wollen wir kurz den Beitrag des Benediktinerpaters und Liturgiewissenschaftlers Dom Alcuin Reid (zur Person) vorstellen, der am 28. 1. unter dem Titel „Fatal Flaws Exposed in Cardinal Roche’s Consistory Briefing Document“ erschienen ist. Der Beitrag selbst ist ziemlich lang (25 Schreibmaschinenseiten, 40 Anmerkungen). Er zitiert den Text Arthur Roches Punkt für Punkt, um dem jedesmal seine kritischen Anmerkungen anzuschließen.
Besonders wichtig erscheinen uns Reids Anmerkungen zu den ersten Punkten, die versuchen, das Wesen historischer Entwicklungen und Reformen allgemin zu erklären. Die „organische Entwicklung“ greift nur da zu administrativen Vorgaben, wo Mißstände und Mißbräuche abzuwehren sind – aber nicht, um Entwicklungen in eine bestimmte und bisher vom Kirchenvolk nicht wahrgenommene Richtung zu erzwingen. Das wäre auch noch die Absicht von Sacrosanctum Concilium gewesen, die dann entsprechend den autoritären Tendenzen der Zeit umgedeutet worden seien.
Daß die vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestrebte Liturgiereform voll im wahren Sinn der Tradition steht, ist nicht zu bezweifeln. Ob die nach dem Konzil produzierten liturgischen Riten jedoch dem entsprechen, was das Konzil beabsichtigte, ist höchst fraglich. Seriöse Forschung belegt eindeutig, daß dies nicht der Fall ist. Diese Unterscheidung zu ignorieren, mag zwar bequem sein, um die damit verbundenen Konsequenzen zu umgehen, und mag für manche psychologisch beruhigend wirken, ist aber wissenschaftlich peinlich.
Wenn der Autor (Roche) also behauptet, die nach dem Konzil entstandenen liturgischen Riten stellten „eine einzigartige Art dar, sich in den Dienst der Tradition zu stellen, da diese wie ein großer Strom sei, der uns zu den Toren der Ewigkeit führt“, so handelt es sich dabei um nichts weiter als um phantasievolle Übertreibung, und seine Worte sind als solche zu vernachlässigen.
Im Zusammenhang mit dem 5. Abschnitt von Roches Papier vermittelt Reid wertvolle Einsichten über das, was den eigentlichen Inhalt und die eigentliche Bedeutung der Meßliturgie ausmacht. Zunächst weist er darauf hin, daß nicht die Liturgie ständiger Reformen und Umbauten bedarf, sondern daß die Menschen zu allen Zeiten daran arbeiten müssen, sich selbst zu „reformieren“ und damit liturgiefähig zu werden – nicht umgekehrt. Die Liturgie ist der Gott geschuldete „Dienst“ im Geist und durch die Person Jesu Christi und geht von daher weit über jedes bloße Menschenwerk hinaus.
In weiteren Abschnitten geht Alcuin Reid – ohne diesen Begriff selbst zu verwenden – auf die hyperpapalistischen Mißverständnisse der Nachkonzilszeit ein, die jede Meinungsäußerung des Papstes als „Lehramt“ mißdeuten – sofern, wie wir ergänzen müssen, diese Äußerung in die vom modernistischen Mainstream gewünschte Richtung weist. Geradezu vernichtend ist Reids Urteil über das sog. „Zweite Hochgebet“, das nicht nur im besonders protestantismus-anfälligen Deutschland – angeblich wegen seiner Kürze – den traditionellen Canon Romanus praktisch verdrängt hat:
Die liturgische Forschung hat sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt und einige Annahmen der Reformatoren als falsch entlarvt. Das gilt auch für die sogenannte „Anaphora des Hippolytus“, die unter anderem von Dom Bernard Botte enthusiastisch als früheste römische Anaphora gefeiert wurde und die deshalb, wenn auch in stark editierter Form, im Römischen Messbuch als „Eucharistisches Hochgebet II“ erschienen ist – sie stellt die offenkundigste Verfälschung der Liturgie der Nachkonzilszeit dar. daß dieses eucharistische Hochgebet heute im Usus recentior des römischen Ritus mit Abstand am häufigsten verwendet wird, unterstreicht die Schwere des Problems: Es handelt sich nicht um eine alte römische Anaphora, die glücklicherweise wieder zum Leben erweckt und verwendet wurde, sondern um ein Konstrukt fehlerhafter theologischer Forschung aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, das dem Zeitgeist der Mitte der 1960er Jahre entsprechend bearbeitet und der Kirche aufgezwungen wurde, obwohl das Zweite Vatikanische Konzil selbst nie die Möglichkeit einer substanziellen Neuerung durch zusätzliche eucharistische Hochgebete im römischen Ritus gefordert oder auch nur in Erwägung gezogen hatte.
Man kann sich mit Recht, in Anlehnung an Sacrosanctum Concilium 23, fragen, ob dies „wirklich und gewiss“ „zum Wohl der Kirche“ erforderlich war.
Die gleiche Frage stellt sich Reid auch angesichts der anderen von Roche in seinem Text so hochgelobten Errungenschaften der Reformliturgie, und als Antwort drängt sich jedesmal ein „so eher nicht“ auf. Wer sich näher damit auseinandersetzen will, kommt nicht darum herum, den ganzen Text in Rede und Gegenrede sorgfältig anzuschauen. Zum Abschluß unserer kurzen Einladung, eben dies zu tun, hier daher nur noch ein kurzes Zitat aus dem Kommentar zu weiteren Abschnitten des Roche-Textes, das nicht die theologische, aber die kirchenpolitische Stoßrichtung und Wertung dieser Intervention des Liturgie-Präfekten erschöpfend zum Ausdruck bringt:
Die Artikel 9 bis 11 dieses Dokuments offenbaren dessen Bestreben, weitere Genehmigungen für Feiern nach dem alten Ritus des römischen Ritus zu verhindern. Diese negative Motivation ist aufschlussreich und, ehrlich gesagt, eher politisch als seelsorgerisch motiviert: Es geht nicht um das Seelenheil der Gegenwart, sondern vielmehr darum, die geschätzten liturgischen Ideologien der Vergangenheit um jeden Preis zu schützen, die Gegenstand zunehmender und anhaltender wissenschaftlicher und seelsorgerischer Kritik sind.
Dem haben wir hier nichts mehr hinzuzufügen - außer dem Link auf den Originalbeitrag von Dom Alkuin auf dem Webstack von Diane Montagna.
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