Die Weihnachtszeit endet – die Vorfastenzeit beginnt
31. Januar 2026
Der Weg führt von der Krippe nach Golgatha
In diesem Jahr erleben die der überlieferten Lehre und Liturgie sowie ihrem Kalender folgenden Katholiken wieder den seltenen Fall, daß die Vorfastenzeit beginnt, bevor die Weihnachtszeit mit dem Fest Marä Lichtmeß ihren endgültigen Abschluß gefunden hat. Wie es dazu kommen kann, haben wir schon vor einigen Jahren einmal beschrieben. Im Jahr 2026 soll uns diese kalendarische Besonderheit den Anlaß bieten, quasi kurz vor Toresschluss eines der ältesten deutschen Weihnachtslieder zu präsentieren: „Nun sei uns willkommen Herre Christ“. Die älteste deutsche Textfassung ist aus dem 14. Jahrhundert überliefert; lateinische Versionen sind bis zurück ins 11. Jahrhundert nachweisbar. Und das Lied stellt ebenso wie die ausgewählte Illustration den heilsgeschichtlichen Zusammenhang von Bethlehem und Erlösung heraus.
Dem hohen Alter des Liedes entsprechend gibt es zahlreiche Textvarianten. Wir haben uns hier für eine dreistrophige und vermutlich relativ neuzeitliche Version entschieden, die wir in der umfangreichen Liedersammlung von Evangeliums.net gefunden haben:
Nun sei uns willkommen, Herre Christ,
der du unser aller Herre bist,
willkommen auf Erden, du lieber Heiland.
Zieh ein in unsre Herzen in alle Land.
Kyrieleis.
Christus ist geboren, unser aller Trost,
der die Höllenpforten mit seinem Kreuz aufstoßt.
Lasst Gott uns fröhlich danken und dem Herrn Jesu,
der hat für alle Seelen bracht Fried und Ruh.
Kyrieleis.
Sei willkommen, Christe, Heil der Welt,
wahres Lichte, das uns all erhellt.
Halt uns in deiner Gnade nach deinem Gebot
und bleib für alle Zeiten in unsrer Not.
Kyrieleis.
Wir sahen uns allerdings an einer Stelle zu einer Änderung veranlasst, die sich freilich auf die überwiegende Mehrzahl anderer Versionen (z.B. auch im vorkonziliaren Gebet- und Gesangbuch, Nr. 313) berufen kann: In der zweiten Zeile der zweiten Strophe schreibt Evangeliums.net: „der die Höllenpforten mit seinem Kreuz verschloss“. Das kann man zwar auch richtig verstehen, entspricht aber im bildhaften Ausdruck nicht der traditionellen Vorstellung vom Vollzug des Erlösungswerks bei Christi Abstieg in die Unterwelt nach dem Tod am Kreuze. Hier werden die Tore der Hölle aufgestoßen und die Gerechten aller Zeiten befreit. Das haben wir schon einmal hier ausführlich beschrieben – eine erneute Lektüre ist zur vorfastenzeitlichen Vorbereitung auf die Geheimnisse der Erlösung sehr zu empfehlen.
Im übrigen ist bemerkenswert, wie sehr dieses Weihnachtslied – darin gleicht es vielen anderen älteren Weihnachtsliedern – den Blick bereits auf die Vollendung des Weges richtet, der mit Empfängnis und Geburt des Erlösers „im Fleische“ seinen Anfang nimmt. Da gibt es keine falsche Sentimentalität, und da gibt es auch keine Einengung auf die horizontale Blickrichtung, die im Kind in der Krippe nur das leidende und benachteiligte Menschenkind von anderswo erkennen kann – hier geht es unmittelbar und direkt zur Sache: Zu Kreuz und Erlösung aus der Not des irdischen Daseins.
Vielleicht ist es diese Direktheit, die dazu geführt hat, daß dieses Lied im reichhaltigen Angebot von Weihnachtsliedern des modernen Katholizismus nicht wirklich heimisch geblieben ist. Das erste nachkonziliare Gotteslob hat unter Nr. 131 immerhin noch eine abgemagerte Fassung in zwei Strophen, in der derzeit aktuellen Ausgabe sucht man es vergeblich.
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