Zwischen Ostern und Himmelfahrt, zwischen letzter Aussaat und erster Ernte: Die Bittage
12. Mai 2026
Bittprozession in den 60er Jahren
An vier Tagen im späten Frühjahr betet die römische Kirche mit ganz besonderem Nachdruck um die Vergebung der vielfältigen Sünden, die ihre Mitglieder immer wieder auf sich laden, und um den Segen des Herrn für das mit dem Frühjahr beginnende Jahr. Die vier Bittage sind kein einheitlicher Block und gehen auf unterschiedliche historische Wurzeln zurück. Der erste hat ein festes Datum, den 25. April, und wurde in Rom möglicherweise bereits Mitte des 4. Jahrhunderts zum Gedächtnis des Tages begangen, an dem der hl. Petrus zum ersten Mal den Boden der damaligen Welthauptstadt Rom betrat. Da die Einrichtung eines eigentlicher Gedenk- und Feiertags an diesem Datum, das sehr oft in die Osteroktav fällt, nicht statthaft war, wählte man diese Form einer einer Buß- und Betprozession – auch nicht ganz unproblematisch, weil solche Tage in der Regel als Fasttage begangen wurden, die ebenfalls in der Osteroktav fehl am Platz sind. Da derartige Prozessionen stets vom – unter Umständen mehrfachen – Gesang der Allerheiligenlitanei begleitet wurde, bezeichnete man solche Umgänge und ihre Tage gerne pars pro toto als „litaniae“ – daher die die Bezeichnung des Bittags am 25. April als „litania maior“ und derer vor Himmelfahrt als „litaniae minores“.
Zum Stellenwert der Allerheiligenlitanei in der Liturgie hatten wir bereits 2024 anläßlich der Bittage einiges geschrieben, was auch heute noch lesenswert ist. Die damals gemachten kursorischen Ausführungen zur Geschichte der römischen Bittage konnten wir in diesem Jahr etwas präzisieren.
Die drei anderen Bittage sind die Werktage vor dem Fest Christi Himmelfahrt, das 40 Tage nach Ostern gefeiert wird und mit dem Osterdatum im Kalender wandert – in diesem Jahr sind ihre Termine entsprechend der 11, 12. und 13. Mai. Ihre Entstehung geht nicht auf einen stadtrömischen Brauch zurück, sondern wird allgemein auf das römische Gallien des 5. Jahrhunderts zurückgeführt – nach einigen Quellen ganz konkret auf den hl. Mamertinus, Erzbischof von Vienne, etwa 10 km südlich von Lyon. Die Region soll damals schwer unter jahrelangen Mißernten gelitten haben, so dass die Zeit zwischen dem Ende der Aussaat Pflanzzeit und dem Beginn der Ernte als höchst geeignet erschien, den Herrn um seinen Segen für die Mühen der vergangenen Wochen und Monate zu bitten. Der Brauch breitete sich schnell in ganz Gallien und dann auch in den anderen Regionen nördlich der Alpen aus und wurde im 8. Jahrhundert schließlich für die ganze Kirche ausgeweitet.
Fast anderthalb Jahrtausende lang bildete die Bittage und die mit ihnen verbundenen Flurprozessionen einen wichtigen Fixpunkt im religiösen Leben der Kirche in den agrarisch bestimmten Gesellschaften Europas. Industrielle Revolution und Säkularisierung haben sie dann an den Rand gedrängt, und die umfassende Modernisierung von Gesellschaft und Kirche nach 1965 hat sie praktisch „abgeschafft“. Wo sie heute noch vereinzelt begangen werden wir in einigen Gebieten Süddeutschlands oder Österreichs, sind sie oft mehr Teil eines säkularen „regionalen Brauchtums“ als lebendige Elemente des Kirchenjahrs.
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