Liturgische Prozessionen und ihre Bedeutung
29. Oktober 2026
Gabenprozession im Ritus von Sarum
Die kurze Szene von der „Gabenprozession“ im Reenactment eines feierlichen Hochamtes im Usus Sarum war für uns Anlaß, der Frage nachzugehen, ob und inwieweit diese verhältnismäßig unaufwendig gestaltete Prozession vielleicht eine Ähnlichkeit mit dem „großen Einzug“ der byzantinischen Liturgien haben könnte. Grundsätzlich gibt es solche Ähnlichkeiten z.B. beim authentischen ambrosianischen Ritus – wo sie auch nicht überraschen können, weil Mailand zwar der Sprache nach „lateinisch“ war, also dem Westen zugehörig, aber zeitweise von Byzanz aus regiert wurde und von dort auch viele liturgischen Gewohnheiten übernahm.
Für den Sarum Usus läßt sich eine solche Beziehung in keiner Weise feststellen, und alles deutet darauf hin, daß die gezeigte Form der Gabenprozession – sofern sie denn der historischen Realität entsprach – eher einen praktischen Hintergrund hatte. Die Gaben von Brot und Wein – das Brot schon im Hochmittelalter überall in Europa in Form von „Hostien“ aus ungesäuertem Weizenmehl – wurden in der Sakristei oder an einem Nebenaltar bereitgestellt, damit man sie beim feierlichen Introitus nicht mitführen mußte, um dann zum Beginn des Opfergottesdienstes in den Altarraum gebracht und den Diakonen übergeben zu werden. Die „Opferung“ mit den Gabengebeten erfolgte dann in der auch in einigen monachischen Usus gebräuchlichen Weise, daß der Kelch mit dem Wein und die Hostie auf einer darauf liegenden Patene in einer einzigen Geste gemeinsam dargebracht wurden – die Offertoriumsgebete hatten dementsprechend eine eigene Form.
Mit diesem nüchternen Ablauf entsprach diese kleine Prozession also in keiner Weise dem „großen Einzug“ der byzantinischen und anderer orientalischer Liturgien, bei denen die Gaben nicht einfach zum Altar gebracht werden, sondern den Einzug Christi selbst und die Vorbereitung auf sein bevorstehendes Opfer bzw. dessen Vergegenwärtigung symbolisieren. Der zu diesem Einzug gehörende Gesang des Cherubinischen Hymnus unterstreicht seine hervorragende Bedeutung und bereitet bereits auf die nachfolgende Anaphora vor.
Diese Vorbereitung leisten die traditionellen lateinischen Opferungsgebete ebenfalls – aber sie haben keinen direkten Zusammenhang mit einer für mittelalterliche Phasen der westlichen Liturgiegeschichte ebenfalls nachweisbaren wenig feierlichen Niederlegung von Gaben der Gläubigen im oder vor dem Altarraum, die für den Unterhalt der Kleriker und die Unterstützung von Bedürftigen bestimmt waren. Diese Gaben konnten dann auch mit der Durchsetzung der Geldwirtschaft problemlos durch Münzen ersetzt werden, die man ganz prosaisch mit dem Klingelbeutel einsammelte. Die feierliche Gabenprozession der Gläubigen im frühen Mittelalter ist wohl weitgehend eine Erfindung moderner Liturgologen aus der Spätphase der liturgischen Bewegung, um die These von der „aktiven Teilnahme“ (Fehlübersetzung von „participatio actuosa“) zu unterstützen.
In der theologischen Modernisierung des Meßverständnisses hat sich diese Version weitgehend durchgesetzt, in der liturgischen Praxis zumindest in Deutschland freilich kaum – hier regiert nach wie vor der schlichte Klingelbeutel. Anders war bzw. ist das in Rom bzw. einigen anderen überwiegend romanischen Ländern, wo die unter Papst Johannes Paul II erfundenen vielfarbigen und multikulturellen Gabenprozessionen dem modernen Verständnis von der aktiven Mitwirkung der Gläubigen am Vollzug des Opfers sinnfälligen Ausdruck verliehen – und dieses Verständnis somit immer weiter von der in der Orthodoxie nach wie vor bewahrten Christozentrik wegdrängten.
Bis jetzt zumindest ist eine zweite liturgische Prozession von diesem Verfall wenig berührt worden: Das ist die Evangeliumsprozession, die in der byzantinischen Tradition ihr Gegenstück im „kleinen Einzug“ zum Beginn des Wortgottesdienstes findet. Diese Zeremonie steht für den Einzug des göttlichen Wortes in die Welt und die Kirche und wird dementsprechend im Osten wie im Westen mit großer Feierlichkeit begangen – wenn auch im Westen nicht vor den Schriftlesungen insgesamt, sondern erst vor dem Vortrag der Berichte vom Wirken Jesu aus den Büchern der vier Evangelisten. Der Vortrag dieser Evangelien im eigentlichen Sinne ist übrigens auch nach der Einführung eines Unisex-Lektorats durch Franziskus (Spiritus Domini 2021) Diakonen oder Priestern vorbehalten – was nicht ausschließt, daß das Evangelienbuch selbst beim Einzug zur Eröffnung oder bei der eigentlichen Evangeliumsprozession von einer wirkungsvoll inszenierten Vertreterin der Gleichberechtigungsforderungen vorangetragen wird.
Eine völlige Neuerfindung ist die von den Ideologen der Gemeindemesse propagierte Kommunionprozession. An die Stelle des durchaus wohltätigen Chaos, das den Kommuniongang bis dahin in den meisten Gemeinden begleitete, sollen nun die Gläubigen bankweise – wie auf dem Exerzierplatz zum Essenfassen – antreten und voranschreiten. Womit es jedem, der sich aus gutem oder schlechtem Grund nicht disponiert fühlt, schwer gemacht wird, Abstand vom Empfang des Herrenleibes zu nehmen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß dieser Gruppendruck einer der Hauptgründe dafür ist, die doch in der Schrift selbst eindeutig vorgegebenen Voraussetzungen für die Teilnahme (1. Korinther 11, 27) immer weiter aufzuweichen – keiner soll sich ausgeschlossen fühlen, und Sünde ist eh nur Ansichtssache.
Wir müssen keine Verschwörungstheorien bemühen um zu vermuten, daß genau diese Aufweichung eines der unausgesprochenen Ziele bei der Einführung dieser Kommunionprozessionen war: Wer die Mitfeier des Messopfers tendenziell auf einen Ausdruck der Einheit und Geschlossenheit der Gemeinde reduziert, verschließt bewußt die Augen vor der transzendenten Ebene dieser Opferfeier, die jeden einzelnen Teilnehmer unmittelbar vor seinen Herrn und Erlöser stellt, um aus dieser Einheit auch die Einheit der Gemeinde hervorgehen zu lassen.
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