Summorum Pontificum.de

Der Elephant im Wohnzimmer oder: Wenn schlechte Theologie auf
schwachen Journalismus trifft

14. Oktober 2026

Aus einem Interview mit Kardinal Roche auf AdVaticanum und zusätzlich versehen mit einigen kritischen Anmerkungen.

6 - Kirchenkrise

Interviewpartner Roche in Chorkleidung im Sessel – der umgebende Raum in völligem Dunkel

Ein Mann aus dem Dunkel

AdVaticanum: Diane Montagna hat einen Bericht veröffentlicht, demzufolge die Mehrheit der Bischöfe, die auf den Fragebogen geantwortet haben, der Ansicht war, daß gesetzgeberische Änderungen an Summorum Pontificum mehr Schaden als Nutzen anrichten würden. Glauben Sie aus Ihrer Sicht, daß es unter den Bischöfen weltweit ein Bedürfnis nach einer Änderung von Summorum Pontificum gab?

Cardinal Roche: Ja, das glaube ich. Daran habe ich keinen Zweifel, und ich höre das immer wieder von Bischöfen. Meiner Wahrnehmung nach sind die traditionalistischen Gruppen weitaus lauter als die meisten anderen Teile der Kirche; daher sorgen sie oft für spektakulärere – gewissermaßen farbenfrohere – Schlagzeilen. Doch ich zweifle nicht daran, daß die Bischöfe die Situation mit großer Sorge betrachteten – unter anderem deshalb, weil Summorum Pontificum geschaffen worden war, um der Priesterbruderschaft St. Pius X. entgegenzukommen und ihr den Weg zur Rückkehr in die Kirche zu ebnen. Dazu ist es nicht gekommen. Der Weg wurde keineswegs einfach nur geebnet. Stattdessen wurde das Dokument in einigen Teilen der Welt als Mittel genutzt, um die frühere Liturgie anstelle der erneuerten Liturgie zu fördern – was dem Geist von Summorum Pontificum völlig widersprach.

Ich glaube also, der Papst hat entschieden, daß er – um der Einheit willen – die Kirche auf das Konzil zurückverweisen musste. Das Konzil stellt die höchste Form der Gesetzgebung innerhalb der katholischen Kirche dar; wer es ignoriert, gefährdet sein eigenes Seelenheil und entfernt sich von der Kirche. Wer dies ablehnt oder sich dagegen sträubt, rückt vom Zentrum des Katholizismus ab. Das ist eine sehr ernste Lage.

Wäre also das Konzil die höchste Form der Gesetzgebung in der Kirche – oder wurde nicht eben diese Annahme nach dem Konzil von Konstanz vom Papst als „konziliaristische Irrlehre“ verurteilt? Wo bleibt die Nachfrage des Interviewers? Die Verantwortung für seine Entscheidung muß der Papst schon selbst übernehmen – und damit leben, daß „DAS KONZIL“ und seine Texte seit 60 Jahren keine einheitliche Interpretation gefunden haben.

AdVaticanum: In diesem Jahr jährt sich zum fünften Mal die Einführung von Traditionis Custodes, jenem Motu Proprio aus dem Pontifikat von Papst Franziskus, das ein früheres Motu Proprio aus dem Pontifikat von Papst Benedikt modifizierte. Glauben Sie, daß wir angesichts dieser Veränderungen von Pontifikat zu Pontifikat damit rechnen können, daß Papst Leo eigene Weisungen erteilt – insbesondere, da sich ein Großteil der katholischen Erneuerung unter jungen Menschen zumindest auf die Messe von 1962 zu konzentrieren scheint? Oder erwarten Sie diesbezüglich etwas von Papst Leo?

Modifizierte? Ein schönes Wort für einen häßlichen Sachverhalt. TC hat Summorum Pontificum bis zur Nicht-Wiedererkennbarkeit eingeschränkt und in der Zielrichtung auf den Kopf gestellt. Aber immerhin – der Kardinal gibt auf die schlappe Frage eine gebührend harte Antwort. Er gibt sie nicht zum ersten Mal – wir sollten sie ernst nehmen, denn Roche gehört zum inneren Kreis der Macht. Gleichgültig, auf welchem Posten er sich nach der aus Altersgründen anstehenden Aufgabe des Präfektenamtes einrichten wird.

Kardinal Roche: Nein, das glaube ich nicht. Er wird Traditionis Custodes nicht ändern. Er wird nicht zu Summorum Pontificum zurückkehren. Seine Worte an die Priester und Ordensleute in Notre-Dame am Samstagabend waren sehr, sehr deutlich: Hört auf, eure eigenen Ansichten in dieser Sache zu bevorzugen, und kehrt zu dem zurück, was die Kirche von euch verlangt. Das hat er sehr klar zum Ausdruck gebracht – nicht nur dort, sondern auch vor zwei oder drei Wochen in der abschließenden Ansprache zu seiner Mittwochskatechese über Sacrosanctum Concilium. Er hat unmissverständlich klargemacht, daß die Kirche diesen bestimmten Weg eingeschlagen hat und daß persönliche Vorlieben hierbei keine Rolle spielen sollten.

Warum? Weil die Kirche als Familie, als Gemeinschaft zusammenkommt, nicht bloß als Ansammlung von Individuen. Natürlich sind wir Individuen, aber wir versammeln uns als Kirche, die an das glaubt, was die Kirche uns gegeben und vom Herrn überliefert hat; wir bleiben diesem Glaubensgut treu.

Geht es hier wirklich nur um „persönliche Vorlieben“ – oder steht nicht das Zentrum selbst in Frage: Das rechte Verständnis vom Wesen der Liturgie des Messopfers und die Fähigkeit des Novus Ordo, dieses Verständnis zu vermitteln. Wäre das keiner Nachfrage wert?

AdVatikanum: Würden Sie den Leuten, die den Vetus Ordo besuchen, sagen, daß es für sie besser wäre, zu einem Novus Ordo zu gehen, oder würden Sie sagen, daß sie wirklich nicht zu einer Vetus Ordo-Messe gehen sollten?

Kardinal Roche: Ich denke, man sollte nicht ausschließlich zu dieser Messe gehen. Das würde ich sagen. Aber was mir im Umgang mit Gruppen traditionell gesinnter Menschen immer wieder auffällt, ist, daß ich, wenn sie zu mir kommen und darüber reden und sagen, der Papst sei nicht entgegenkommend zu ihnen gewesen, ihnen sage: Der Heilige Vater hat Ihnen die Möglichkeit gegeben, die Messe nach dem vorhergehenden Ritus zu feiern. Was ist Ihr Problem? Was wünschen Sie sich sonst noch?

Meistens können sie darauf keine Antwort geben. Aber man sieht in den Traditionalisten-Blogs, daß sie mehr als das wollen. Sie wollen zu einer Kirche zurückkehren, die nicht über die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils verfügt; die nicht diese neue Form der Zusammenarbeit, um die Welt zu evangelisieren. Deshalb würde ich sagen, daß jeder Katholik mit irgendeiner Tendenz sein Gewissen immer anhand der Lehren der Kirche prüfen sollte und nicht nur anhand dessen, was er selbst lieber tut.

Es muss immer ein Gleichgewicht bestehen, denn man mag die lateinische Sprache sehr lieben, und das ist in Ordnung. Wir sind der lateinische Ritus. Latein ist immer noch Teil unserer liturgischen Tradition. Lassen Sie uns von der persönlichen Identität zur Corporate Identity der Kirche übergehen, die meiner Meinung nach sehr wichtig ist.

Aber hat denn – so würde ein nicht bereits erfolgreich eingeschläferter Journalist hier nachhaken – hat denn diese neue „Corporate Identity“ der Kirche bei der Neuevangelisierung tatsächlich Fortschritte gebracht? Oder reicht es schon, wenn das Time-Magazin den Papst unter die 100 einflußreichsten Menschen der Erde zählt oder die Evangelisations-Spezialisten von Vanity-Fair ihn zu den 50 einflußreichsten Amerikanern zählen?

Kardinal Roche: Ich glaube oft, daß Menschen, die sich dagegen sträuben, vergessen, was Pius XII. in „Mystici Corporis Christi“ über das Wesen der Kirche und auch in seiner Enzyklika „Mediator Dei“ über die Liturgie gesagt hat. Das waren Grundpfeiler des Sacrosanctum Concilium. Darin gibt es nichts, was in Sacrosanctum Concilium geändert wurde. Diese Säulen zeigten uns, wie wir uns durch die Liturgie mit dem Leib Christi identifizieren, aber als Gemeinschaft und nicht nur als Einzelpersonen, die wählen, was sie wollen. Natürlich haben wir unsere Inspirationen, wir haben unsere eigenen Denk- und Gestaltungsweisen, aber letzten Endes kommt die Einheit der Kirche in ihrer vollsten Form zum Ausdruck, wenn wir im Augenblick der Eucharistie zusammenkommen.

Ja was hat er denn gesagt? Unserer Lektüre der beiden genannten Enzykliken haben wir jedenfalls – bei aller Kritik an der von Pius XII in Auftrag gegebenen Karwochenreform – nichts entnommen, was ihn als geistigen Wegbereiter des Bugnini-Consiliums erscheinen lassen könnte.

AdVaticanum: Wenn man zu einer traditionellen lateinischen Messe geht, scheint es fast garantiert zu sein, daß die Menschen das richtige Verständnis der Eucharistie haben und regelmäßig zur Beichte gehen. Besteht da nicht das Gefühl, daß die Kirche dies vielleicht im Jahr 2026 mit all unseren Schwierigkeiten in einem säkularisierten Westen nutzen und sagen sollte: Wir brauchen das – wir brauchen diese frische Energie?

Kardinal Roche: Ja, aber würden Sie sagen, daß das nicht auch auf Menschen zutrifft, die zur Sonntagsmesse im Neuen Ritus gehen?

AdVaticanum: Ich würde schon zugeben, daß das so ist. Nur vielleicht nicht auf einer Ebene, auf der man im neuen Ritus genau die gleiche Energie feststellen könnte. Bei einer traditionellen Messe hat man das Gefühl, daß das fast garantiert ist.

Mit der Frage nach dem richtigen Verständnis von der Eucharistie wagt sich der Interviewer, es ist Thomas Edwards, der Chefredakteuer von Advaticanum, zum erstenmal in die Nähe dessen, worum es bei dem ganzen Thema geht – um sofort zurückzuzucken, als ihm der Kardinal signalisiert, daß er das nicht wahrhaben will. Und dabei wäre das natürlich genau die Frage, die einem Machthaber wie Roche immer und immer wieder zu stellen wäre, um ihn wenigstens für ein paar Sekunden aus seiner selbstzufriedenen Realitäts­blindheit heraus­zu­locken.

Nein, meine Herren, der Novus Ordo vermittelt nicht die gleiche Botschaft, und selbst von den Menschen, die sich als gute Katholiken sehen, nehmen nur noch wenige an seinen Liturgien teil – von der für viele zur würdigen Vorbereitung angeratenen Beichte ganz zu schwei­gen.

Der Kardinal registriert das Zurückzucken des Interviewers mit erkennbarer zufriedenheit und beendet diesen Teil des Gesprächs mit einer Reihe von Plattitüden und einer erneuten Bekräftigung seiner Weigerung, die Realitäten wahrzunehmen.

Ein klägliches Schauspiel.

Kardinal Roche: Aber ist diese andere Ebene eine Art Gleichgesinntheit? Ich denke, es ist nicht unwichtig, das zu sagen, denn Kulturen und Gesellschaften sind vielfältig und die Zusammensetzung der Gesellschaft, sicherlich innerhalb der englischen Kultur, ist sehr vielfältig. Die Mischung ist anders. Aber ist das Maß an Engagement unterschiedlich? Ist das Glaubensniveau unterschiedlich? Das habe ich nicht gesehen. Als Pfarrer habe ich das noch nie erlebt. Natürlich gibt es Schwierigkeiten; Man bringt Leute dazu, empörende Dinge zu sagen. Manchmal sagen sie einfach empörende Dinge aus Wut oder aus kontroversem Geist. Aber letztendlich wissen sie, wo ihr Zuhause ist, und sie wissen, daß ihr Zuhause der Ort ist, an dem sie unterrichtet werden und wo sie Leben empfangen. Das ist meiner Meinung nach wirklich sehr wichtig – angesichts der Vielfalt der Menschen, der Herde, die man hat, und sie zusammenzuhalten.

Das ganze Interview hier: https://advaticanum.com/article/exclusive-interview-cardinal-roche-to-traditionalists-you-are-edging-yourself-away-from-the-centre-of-catholicism-2/

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